Kahlschlag für das Klopapier

Wie sieht es angesichts der fort schreitenden Globalisierung und den damit verbundenen Zwängen mit der Umwelt in FIN aus? Stichwörter: AKW`s, Holzwirtschaft, Papier- u. Zellulose Herstellung, zunehmende Industriealisierung...

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Re: Kahlschlag für das Klopapier

Beitrag von Peter » #61 »27. Jan 2020 22:23

Stimmt, es ist unvorstellbar. In der Doku werden die Zahlen aber genannt, ab 11:30 Minuten.

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flaskx
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Re: Kahlschlag für das Klopapier

Beitrag von flaskx » #62 »28. Jan 2020 09:29

Generell geht die reine Papierproduktion zurück.

Ich war vor ein paar Jahren in Rauma zur Betriebsbesichtigung in einer Papierfabrik. Damals wurde schon von einem 1/3 Rückgang der Produktion gesprochen.
Ende 2019 war es dann soweit. Eine der drei Papiermaschinen wurde jetzt abgeschaltet.
https://www.euwid-papier.de/news/einzel ... still.html

Als Grund wurde mir damals "Tablet" und "Internet" gesagt.

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André
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Re: Kahlschlag für das Klopapier

Beitrag von André » #63 »28. Jan 2020 19:13

Danke für die interessante Dokumentation. Das Thema interessiert mich sehr, da ich aus einer Holzfällerfamilie stamme und mit dem Wald aufgewachsen bin. Von meinem ersten Finnlandbesuch an habe ich ein besonderes Augenmerk auf die dortigen Wälder und ihre Bewirtschaftung gelegt. Die Wälder waren mit ein Grund, weshalb ich wieder hingefahren bin.

Der Film ist sehr tendenziös. Er verfolgt das Ziel einer (inhaltlich natürlich richtigen) politischen Aussage und schießt dabei meiner Meinung nach weit über das Ziel hinaus. Teile sind schlecht recherchiert und reine Polemik:

Beispiel eins: An einer Stelle weist der Biologe in eine Baumkrone auf einen Horst und sagt dass dort das Nest eines "piekana" sei, welcher dort selten vorkomme. Nach etwas Zögern übersetzt der Sprecher der Dokumentation das Wort mit "eine seltene Schneehuhnart". Klingt natürlich beeindruckend, auch wenn es nur eine Schneehuhnart gibt. "Piekana" ist jedoch kein Schneehuhn, sondern ein Bussard. So etwas ist entweder schlecht recherchiert oder willentlich sensationsheischend.

Beispiel zwei: An einer weiteren Stelle sagt der junge Same keiner wüsste, wie lang seine Vorfahren an dieser Stelle schon siedeln würden. Dieses Gebiet werde schon seit der Eiszeit besiedelt. Arte nutzt das als Steilvorlage und der Sprecher ergänzt, dort hätten seit der Eiszeit die Vorfahren der Samen gesiedelt und hätten ihre Tiere gehalten. Klingt wieder beeindruckend ist aber Quatsch. Tatsächlich ist der Raum seit dem Rückgang der Eisgletscher besiedelt. Die ersten Gruppen waren Jäger, die den Großtierherden gefolgt sind. Diese Menschen waren jedoch nach dem aktuellen Wissensstand nicht die Vorfahren der Samen. Weiterhin haben die Samen erst im 17. Jahrhundert begonnen ganze Herden zu domestizieren. Rentierscheideplätze wurden erst dann angelegt. Vorher wurden Wildrene in Gruben getrieben. Weder der Siedlungsplatz noch der Rentierscheideplatz stehen dort oder woanders in Lappland kontinuierlich seit der Eiszeit.

Beispiel drei: Fast der ganze Film, so auch die Kahlschlagaufnahmen spielen in Inari. Die gezeigt Papierfabrik steht jedoch in Kemi. Dort steht sie seit den 1960er Jahren und wird demnächst modernisiert und vergrößert. Weitere Papiermühlen sind meines Wissens nach in Finnisch-Lappland nicht geplant. Ich lese täglich die Helsingin Sanomat, die bei Umweltthemen durchaus kritisch berichtet. Außerdem höre ich regelmäßig die Natursendung auf YLE Radio Suomi wo ich auch noch nichts dazu gehört habe. Die Fabrik in Kemi ist übrigens schon seit den 70er Jahren immer wieder wegen des Verarbeitens lappländischen Holzes in der Kritik. Es ist auch tatsächlich eine Schande, dass das wertvolle, dichte und langsam gewachsene Holz Lapplands zu Zellstoff gemahlen wird. Wenn man es wenigstens im Möbelbau oder für Eisenbahnschwellen einsetzen würde...

Um die heutige Situation besser einschätzen zu können, sollte man sich auch die Landschaftsentwicklung Finnlands besehen. Landschaften, die besiedelt sind, befinden sich in einer steten Veränderung. Nur wenige wissen und können sich vorstellen, dass die Landschaften Häme, Savo und Karelien einst Kulturlandschaften waren. Nach dem Bevölkerungsanstieg Ende des 18., Anfang des 19. Jhds wurden diese Bereiche immer enger besiedelt. Da sie in Schwendwirtschaft betrieben wurden, wurden große Flächen benötigt. So bestand die Landschaft um den Pielinen herum aus Feldern, Hecken und Höfen. Waldflecken gab es nur auf den Höhen und um die Sümpfe herum. Erst nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jhds die Drei-Felder-Wirtschaft und die Schwendrodung aufgegeben wurden, sowie das Sozialsystem neu geordnet wurde (Katen und Kleinstbauern fielen weg) sind diese Gebiete wieder zu den ausgedehnten Waldgebieten geworden, wie wir sie heute kennen. Generell kann man sagen, dass der Wald im ganzen Süden Finnlands bis einschließlich Kainuu schon seit Jahrhunderten intensiv genutzt wird (Fallenjagd, Teerbrennerei, im 19. Jhd. dann Holzexport). In einem Radiointerview hat ein Fachmann die finnischen Wälder "puupeltoja" genannt: "Baumfelder". Meiner Meinung nach ein passender Ausdruck, denn es gibt kaum einen Bereich, der nicht schon mal kahlgeschlagen gewesen wäre.

Was ist mit Lappland? Die lappischen Wälder waren bis nach dem zweiten Weltkrieg unangetastet und im Urzustand. Jedoch forderten die Reparationszahlungen an Russland, der Wiederaufbau Lapplands sowie die Umsiedelung der karelischen Flüchtlinge riesige Mengen Holz. Die staatliche Forstverwaltung (Metsähallitus) ermunterte die lappischen Gemeinden "mutig" zur umfassenden Durchforstung. Das führte dazu, dass gute Teile des Waldes um Rovaniemi, Sodankylä, in Merilappi und dem Torniotal in den 50er Jahren kahlgerodet wurden. Was wir heute dort sehen ist ein jüngerer Wald, kein Urwald! Nur die ganz nördlichen Teile, zum Beispiel um Inari herum blieben wegen der Unwirtschaftlichkeit unangetastet. Selbst in den heutigen Naturreservaten Finnlands gibt es nur wenige Wälder, die in den letzten 300 Jahren nicht durch Menschen bearbeitet wurden. Ich überfliege Lappland fast jedes Jahr und betrachte mir die Landschaft immer mit Interesse. Vom Flugzeug aus habe ich den Eindruck dass die Wälder (wohl vor allem die staatlichen Wälder) intensiv durchforstet werden. Ich schätze dass jeder zweite Baum, oder 2 von 3 Bäumen herausgenommen werden, kann mich aber auch irren, da die Vegetation im Norden auch auf natürliche Weise dünner wird. Es gibt Kahlflächen, die allerdings meist mit Tagebau in Verbindung stehen. Wer ins Grundbuch schaut wird sehen, dass die Waldparzellen auch in Nordfinnland verhältnismäßig klein sind. Sie sind in den Teilen, wo ich mir das schon angesehen habe stark mit staatlichen und privaten Wäldern durchsetzt. Der Staat setzt in seinen Wäldern vor allem auf Vereinzeln der Bäume, weniger auf Kahlschlag. Privatbesitzer hingegen lassen schon mal ihren Wald abholzen um den Holzbestand in Geld umzusetzen. Diese Flächen sind aber wegen der kleinen Parzellengrößen immer sehr begrenzt, eigentlich genau so, wie in der Dokumentation gezeigt. Da die finnische Regierung Klimaneutralität bis evtl. 2030 anstrebt, wird die Metsähallitus auch in den nächsten Jahren keine umfassenden Kahlschläge vornehmen. Was in der Karte in der Dokumentation rot markiert war weiß ich nicht, aber sicher handelte es sich nicht um Kahlschläge.

Die Metsähallitus handelt sicherlich mehr nach ökonomischen als nach ökologischen Gesichtspunkten, so wie das auch die Staatsforsten in Deutschland tun. Jedoch ist es keinesfalls so wild, wie in der Dokumentation dargestellt. Wer es nicht glaubt, der möge in ein Flugzeug steigen und einen der lappländischen Flughäfen ansteuern oder einen der zahlreichen Tunturis besteigen. Der Wald ist in Lappland zwar nicht mehr dicht wie ein Urwald, aber er ist immerhin noch da. Der Film ist um der politischen Botschaft willen vom guten Journalismus abgewichen.

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Re: Kahlschlag für das Klopapier

Beitrag von Peter » #64 »31. Jan 2020 00:24

flaskx hat geschrieben:
28. Jan 2020 09:29
Generell geht die reine Papierproduktion zurück.

Ich war vor ein paar Jahren in Rauma zur Betriebsbesichtigung in einer Papierfabrik. Damals wurde schon von einem 1/3 Rückgang der Produktion gesprochen.
Ende 2019 war es dann soweit. Eine der drei Papiermaschinen wurde jetzt abgeschaltet.
https://www.euwid-papier.de/news/einzel ... still.html

Als Grund wurde mir damals "Tablet" und "Internet" gesagt.
Da sprichst du jetzt nur den Papierverbrauch der Printmedien an. Auf der anderen Seite steigt aber der Papierverbrauch der Verpackungsindustrie weltweit enorm. Dem Bedarf kann die Zellstoffindustrie kaum noch nachkommen. Das ist ein Grund, weshalb tatsächlich einige Papiermühlen in Finnland in den letzten Jahren geschlossen wurden aber nur, weil die unrentabel wurden und um neue und leistungsfähigere zu errichten.

https://www.regenwald-schuetzen.org/ver ... 16EALw_wcB

https://www.wwf.de/themen-projekte/wael ... nd-fakten/

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Re: Kahlschlag für das Klopapier

Beitrag von Peter » #65 »31. Jan 2020 00:31

Die Erfahrungen sind da eben unterschiedlich. Eine ähnliche Doku wie die von Arte lief auch schon mal in der ARD. Da ging es um große Kahlschläge in Schweden und dem Wirken des weltweit zweitgrößten Forstunternehmen und Papier-und Verpackungshersteller Stora Enso.
Wie gesagt, wir sind seit 1977 immer wieder in Finnland gewesen und haben den Wandel in der dortigen Forstwirtschaft über mehr als 40 Jahre verfolgt, nicht als Fachleute sondern als interessierte Touristen, die stets abseits der Fernstraßen unterwegs waren und noch sind. Die Erfahrungen die wir in dieser Zeit sammelten sind schon erschreckend. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die finnnischen Wälder immer weniger bewirtschaftet und zunehmend nur noch genutzt werden.
Ein weltweites Problem...

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