Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aufeinander

Fragen zur Erlangung einer Arbeitserlaubnis, Beschäftigungsmöglichkeiten, Sozial- und Krankenversicherung

Moderatoren: Peter, Sapmi

Antworten
Benutzeravatar
sunny1011
Passwechsler
Beiträge: 11753
Registriert: 10. Apr 2005 16:01
Wohnort: Wo das Herz zuhause ist

Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aufeinander

Beitrag von sunny1011 » 2. Jul 2010 20:04

Was fällt einem (als Ausländer?) am finnischen Arbeitsumfeld? Was passiert wenn Kulturen aneinandertreffen? Wie sind die Unterschiede, wer "das Sagen" hat (Unterschiede zwischen finnischer Niederlassung in D oder deutschen Niederlassung in Finnland) Kleiner Umzug aus dem Klönschnack: Was bisher geschah.
Ironblizzard hat geschrieben:Ich weiß ja, dass es üblich ist, dass Finnen zum Schweigen neigen wenns zu einer Diskussion kommt...
Aber das macht dich als Mitteleuropäer noch wütender! :evil:
Sowas von arrogant...
***
Tenhola hat geschrieben:
Ironblizzard hat geschrieben:Ich weiß ja, dass es üblich ist, dass Finnen zum Schweigen neigen wenns zu einer Diskussion kommt...
Nur mal so eine Frage: Wieviel Erfahrung mit Finnen hast Du denn? Da kann ich nur sagen, das ist auch wieder so eine nicht unbedingt zutreffende Behauptung.
***
Ironblizzard hat geschrieben:Sehr viel!
Halt nur beruflich.
***
sunny1011 hat geschrieben:
Ironblizzard hat geschrieben:Sehr viel!
Halt nur beruflich.
Ironblizzard hat geschrieben:Ich weiß ja, dass es üblich ist, dass Finnen zum Schweigen neigen wenns zu einer Diskussion kommt...
Aber das macht dich als Mitteleuropäer noch wütender! :evil:
Sowas von arrogant...
Hättest Du jetzt gesagt, Du warst gerade da auf einem Festival und deswegen, hätt ich es auch für Unsinn gehalten. ABER...

Und oOb ich das verstehe, auch wenn Dein Eindruck subjektiv bleibt. Hat man denn kein Recht auf subjektive Eindrücke??? Und zwar der einzig und alleinige Grund dafür liegt auf der Hand: es ist nicht die "Verschwiegenheit" der Finnen, denn das stimmt vorne und hinten nicht bzw. kann so gar nicht verallgemeinert werden, sondern die Schuld der international (-werdenden) Unternehmen, die meinen, eine Zusammenarbeit tagtäglich wird schon "irgendwie" gehen, wenn sie mal das Team aus diesem und jenem Land zusammenwürfeln. Wozu "Kultur des anderen kennenlernen"? Das wird schon. :aerger: Hab ich im früheren Job in einem grossen Mobilnetzwerkunternehmen hautnah miterlebt, und Roman Schatz zu einer unverschämten, aber wie immer auf den Punkt gebrachten Aufklärung viel zu spät einberufen wurde. Die Arbeitsweise wird sich nicht so einfach "hinbiegen" lassen. Besonders nicht dann, wenn sie in einem früher mal (geschäftlich) recht isoliertem Land wie Finnland neu und ungewohnt ist, wenn die meiste Kommunikation durch Medien und oft ohne persönliches Kennenlernen geschieht, wenn die Arbeitsweisen sich unterscheiden. Leider - zumindest hier in Finnland - sind in solchen z.B. fusionierten Unternehmen die HR Abteilungen nicht mehr für solche Aufgaben bestimmt oder werden sogar an externe für die Papierarbeit outgesourced.

Ich kann mir vorstellen, dass Du kontroverses Diskutieren und "starke" Meinungen meinst? Die wirst Du (besonders in einer fremden Sprache und mit natürlichen "Berührungsängsten", oft durch die Firmenpolitik bedingt) mit Finnen kaum finden (oder wenn ja, dann aber steppt der Bär!). Das haben in meinem Umfeld selbst Finnen erkannt und angesprochen (seitdem haben wir uns offiziell auferlegt mal mutig "aus der Reihe zu tanzen" und sich doch für eine Sache stark einsetzten, auch wenn es für Aufruhr sorgt.

Fakt ist, dass Finnen (und auch Skandinaviern) der Konsensus im Mittelpunkt steht. Der Gegensatz sind die deutschen "Machtspiele" und "Sich-profilieren" (bzw. eine stark vertretende Meinung kann den Anschein - oft zu unrecht - vermitteln). Wenn nur Entscheidungen auf einem "halben Weg" getroffen werden, wird viel Innovatives, "Revolutioneres" vergeudet. Ich kann in meinem jetztigen Bereich damit sehr gut leben, es gibt nun mal bestimmten Spielraum und ich hab mich daran so gewöhnt, dass es mir sehr schwer fällt, die Energie darin zu investieren. Meistens sind wir gleicher Meinung, fein :D .

Um sowas wie Du zu enttarnen, hilft bisschen Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe statt Phantasiewelt. Die Kenntnisse der Landessprache geben da noch mehr Einsicht. Ich kann verstehen was Du meinst, auch wenn ich es nicht als allgemeingültig auslegen würde. Sicher wäre es noch aufschlussreicher, wenn ich eure Firmenkultur (technischer Bereich?) besser kennen würde.

Wem galt das "sowas von arrogant"? Haben Dir das Finnen zur Verstehen gegeben oder findest Du ihre "Ablehnung der Diskussion" als solche? Hm...

Ein sehr spannendes Thema, find ich, nur das muss man irgendwo diskutieren, wo man dafür bereit ist.

Ich finde es sehr interessant, mal von der anderen Seite zu hören, wo's happert, denn ich kenn das nur von sehr guten Freunden (aus dem besagten Grossunternehmen), deren Ärger und Lästerei "aus finnischer Sicht" sehr gut verstehen kann, weil ich nun mal seit 10 Jahren tief integriert bin, allerdings hätt ich gern mal die andere gern gehört, denn so "komisch" können sie nicht allesamt sein (auch wenn ich zugeben muss, dass mir die deutsche Arbeitsweise am meisten fremd geworden ist in all den Jahren).
***
Ironblizzard hat geschrieben:Gibt doch jemanden der mich versteht :lol:

Können das gerne in einem neuen Thread besprechen, ist ein interessantes Thema und würde mich über andere Erfahrungsberichte freuen.

Kurze Antwort auf deine Fragen:
Ja, internationales Umfeld (Finnland HQ, Niederlassungen weltweit)
Ja, technisch (aber auch kaufmännisch)
Ja, mit arrogant habe ich das "Ausweichen" bzw. "Ablehnen" gemeint - mir kommt diese Art arrogant und unhöflich vor

Freu mich auf das neue Thema und weitere Erfahrungen und Meinungen
Bild
Aus Finnen von Sinnen [auf Finndeutsch]: "Finnland verhält sich zu der Erde wie das Erde zu der Universum. Weisst du, wir sind ein bisschen weit weg von die Zentrum, und wenn du vorbeifliegst an uns, denkst du, ach, da gibt es doch nur Wasser und Wolken. Deswegen steigt auch wenige aus hier. Macht aber nix, sind ja auch ganz gut allein zurechtgekommen bis jetzt (...) Allerdings lässt sich dieser O-Ton (...) hochmutiger auslegen. (...) dass ihre Heimat der einzige Ort auf Erden ist, an dem sich wahrhaft intelligentes Leben findet (...)

Benutzeravatar
sunny1011
Passwechsler
Beiträge: 11753
Registriert: 10. Apr 2005 16:01
Wohnort: Wo das Herz zuhause ist

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aneinander

Beitrag von sunny1011 » 2. Jul 2010 20:40

Hier ist das neue Thema.
Ironblizzard hat geschrieben:Gibt doch jemanden der mich versteht :lol:
Aus Beobachtungen lernt man, auch wenn man sie für sich nicht akzeptiert - man muss nicht immer alles toll finden, aber sich damit trotzdem prima arrangieren. Gute Aspekte kann man dann überdenken und für sich entdecken (z.B. mir ist deutsche Teamarbeit fremd inzwischen - und die ist anders). Firmenkultur ist dennoch das wichtigste, nicht die einzelnen Nationalitäten. Im Lande entdeckt man die "Eigenheiten" anders, denn hier kommt auf die "Anpassung" des Ausländers (sofern er in finn. Arbeitswelt reinkommt...) an. Manchmal lässt die Umgebung zu, dass der Ausländer auch seine Art einfliessen lässt - wenn richtig vorbereitet, bereichert das gegenseitige Miteinander die Arbeitsumgebung. Anders tickt man sicher bei einer finnischen Niederlassung in D und noch andere Spielregeln gibt es, wenn es sich um eine deutsche Niederlassung in Finnland handelt. Fusion kann man als "Bedrohung" von Arbeitsplätzen (miss)verstehen, wenn die Aufklärung, wie der Laden danach laufen wird, auf sich warten lässt. Ein grober Fehler, der die Seiten sofort als Konkurrenten erscheinen lässt.

Ja, ich versteh Dich. In diesem Forum handelt man sich mit solchen Überlegungen Ärger ein.
Ironblizzard hat geschrieben: Ja, mit arrogant habe ich das "Ausweichen" bzw. "Ablehnen" gemeint - mir kommt diese Art arrogant und unhöflich vor
Ähnlicher Fall wie beim Nicht-Begrüssen zwischen Nachbarn oder auf kleinen Raum mit anderen Menschen (Arztpraxis, Laden usw.) - ist nicht unhöflich sondern ein Hang der Finnen um zu "verdauen", es sacken lassen, den anderen nicht zu stören, Konfrontation scheuen - einer davon trifft meist zu. Es ist nicht einfach sich damit zu arrangieren, das stimmt. Sowas lehne ich für mich persönlich ab, auch wenn ich hier lebe und das heisst nicht, dass ich dadurch weniger integriert bin. Integration ist nämlich voneinander lernen, lernen zu verstehen, nicht seine Wurzeln zu verleugnen.

In meinem Umfeld, kann ich mich wegen Mangel an Diskussion nicht beschweren :D . Das einzige was störend sein kann, dass Dinge zerredet und Entscheidungen zu langsam getrofffen werden. Ein Grund ist die "wir sind alle gleich = demokratisch" Einstellung, zweiter, dass Macht sehr eingeschränkt ist. Schweden zerreden Dinge noch mehr, lt. Finnen. Und dass es so mit den Entscheidungen läuft, wurde in meinem Umfeld von einem Finnen sehr sachlich angesprochen :!:

Aber ich würde davon absehen, sowas arrogant zu nennen, eher grob, d.h. das Verhalten kommt uns dann merkwürdig vor, weil man sich ignoriert vorkommt. Ist man aber nicht :wink:

Im Berufsleben im internationalen Team ist es etwas unrealistisch zu verlangen, dass sich nur irgendeine Niederlassung so zu verhalten hat wie die Muttergesellschaft, sei es beim Besuch "im anderen Land". Da hat die Muttergesellschaft dafür zu sorgen, dass eine gemeinschaftliche Basis geschaffen wird. Das tun leider die wenigsten. Man kann sich immer über solche Beobachtungen eine Meinung bilden, tun Finnen auch. Wie sie über Deutsche (deutsche Partner/Arbeitskollegen in Deutschland) äussern, dagegen ist Ironblizzards ein Sonntagskind... In meiner Anwesenheit gibt's diverse Lästereien - da ich die Menschen kenne, weiss ich, dass es nicht böse gemeint ist, etwas kurzsichtig, aber das juckt mich nicht weiter. Sie vergessen immer, dass ich Deutsche bin :D
Bild
Aus Finnen von Sinnen [auf Finndeutsch]: "Finnland verhält sich zu der Erde wie das Erde zu der Universum. Weisst du, wir sind ein bisschen weit weg von die Zentrum, und wenn du vorbeifliegst an uns, denkst du, ach, da gibt es doch nur Wasser und Wolken. Deswegen steigt auch wenige aus hier. Macht aber nix, sind ja auch ganz gut allein zurechtgekommen bis jetzt (...) Allerdings lässt sich dieser O-Ton (...) hochmutiger auslegen. (...) dass ihre Heimat der einzige Ort auf Erden ist, an dem sich wahrhaft intelligentes Leben findet (...)

finnrotti
Mumin Experte
Beiträge: 182
Registriert: 23. Feb 2009 20:38
Wohnort: Kalliola Nähe Lahti

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aneinander

Beitrag von finnrotti » 2. Jul 2010 21:38

Weiss nicht um was für Diskussionen es sich bei Euch handelt, bei denen die Finnen dann Schweigen sollen, aber ich hab selber die Erfahrung gemacht, dass man im Betrieb (hier Uni) sich bei Entscheidungsfindungen ziemlich schwer tut. Da wurde dann meist auch geschwiegen und nach der Strategie "wir können ja mal drüber nachdenken und sitzen das mal aus" verfahren. Das war für mich ehrlich gesagt ziemlich anstrengend.

Genauso im privaten Bereich. Bis sich eine Gruppe mal entschieden hat eine neue Hürde für den Hundeplatz zu kaufen ist es wieder Winter und Trainingssaison ist vorbei.

So meine subjektive Erfahrung mit "schweigenden" Finnen

Benutzeravatar
Tenhola
Kela Überlebender
Beiträge: 2158
Registriert: 2. Sep 2007 14:58
Wohnort: 13100 Finnland

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aneinander

Beitrag von Tenhola » 2. Jul 2010 21:41

sunny1011 hat geschrieben:Ja, ich versteh Dich. In diesem Forum handelt man sich mit solchen Überlegungen Ärger ein.
Man handelt sich nur Ärger ein, wenn man meint man sei allwissend und die Meinung von andern Mitgliedern niemals akzeptiert und einem immer wieder ans Bein "gepinkelt" wird.
Ich meine dies ist ein Forum wo alle ihre Meinung kundtun dürfen, sonst wäre es wohl besser einen persönlichen Blog zu eröffnen.
Ironblizzard hat geschrieben:Ja, mit arrogant habe ich das "Ausweichen" bzw. "Ablehnen" gemeint - mir kommt diese Art arrogant und unhöflich vor
Ich meine dies hat nichts mit Arroganz zu tun, unhöflich kann man ja je nach Begebenheit ev. noch sagen.
Es kann aber sehr wohl arrogant sein, wenn man in ein anderes Land geht und meint die Leute müssten sich nun so verhalten wie man es sich in seinem eigenen Land gewohnt ist.
Zum Glück gibt es immer noch div. verschiedenen Kulturen und da stellt sich nun die Frage wer sich da ev. anpassen sollte ohne sofort zu urteilen.

Benutzeravatar
Sapmi
Passwechsler
Beiträge: 10562
Registriert: 29. Mär 2005 15:38
Wohnort: Falsche Klimazone

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aneinander

Beitrag von Sapmi » 3. Jul 2010 08:28

Tenhola hat geschrieben:
sunny1011 hat geschrieben:Ja, ich versteh Dich. In diesem Forum handelt man sich mit solchen Überlegungen Ärger ein.
...
Ich meine dies ist ein Forum wo alle ihre Meinung kundtun dürfen, sonst wäre es wohl besser einen persönlichen Blog zu eröffnen.
Das ist völlig richtig und sachliche Kritik führt normalerweise auch nicht zu Ärger, nur übertriebene Hetze wirkt hin und wieder nervig.
Ironblizzard hat geschrieben:Ja, mit arrogant habe ich das "Ausweichen" bzw. "Ablehnen" gemeint - mir kommt diese Art arrogant und unhöflich vor
Ich meine dies hat nichts mit Arroganz zu tun, unhöflich kann man ja je nach Begebenheit ev. noch sagen.
[/quote]

Nun ja, es kann einem "so vorkommen", denn jeder bringt ja seine eigene Mentalität in ein anderes Land mit. Wobei diese Mentalität natürlich auch nicht nur vom Heimatland, sondern auch von der individuellen Persönlichkeit abhängt. Deshalb sind aber die Leute in dem anderen Land mit den anderen Sitten weder arrogant noch unhöflich.
Aber genau das ist ja das Schwierige und auch wieder das Interessante beim Kennenlernen anderer "Kulturen". Ich denke, jeder neigt zunächst mal dazu, Menschen eines anderen Landes nach den Maßstäben des anderen Landes zu beurteilen und einzuschätzen, aber damit fliegt man ziemlich regelmäßig auf die Schnauze (kenne das noch von Frankreich).
Ich habe ja nun keine eigene Erfahrung mit der finnischen Arbeitswelt, aber allgemein finde ich die "typisch finnische" Zurückhaltung (Ausnahmen gibt's ja auch immer zur Genüge) tendenziell sympathisch, jedenfalls liegt mir sowas eher als z. B. die südländische (teilweise auch schon stark auf D übergreifende) Aufdringlichkeit.
Andererseits kann ich mir gut vorstellen, dass diese "spezielle" Form der Kommunkation im Alltag mir auf Dauer auch zu schaffen machen könnte.
Aber naja, da muss man natürlich auch knallhart sagen: Wer nicht gerade politischer Flüchtling ist oder sonstwie keine Wahl hat, für den gibt es hier genau 2 Alternativen: Entweder damit klarkommen bzw. sich auf Dauer irgendwie so damit arrangieren, dass man sich nicht inmer wieder darüber ärgern muss, oder mit allen Konsequenzen einsehen, dass es dann auf Dauer doch das falsche Land ist.
Viikko maastossa antaa enemmän kuin vuosi arkea

Bild

Benutzeravatar
sunny1011
Passwechsler
Beiträge: 11753
Registriert: 10. Apr 2005 16:01
Wohnort: Wo das Herz zuhause ist

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aneinander

Beitrag von sunny1011 » 3. Jul 2010 13:01

Finnrotti, auf den Punkt. Einerseits eine gute Art, damit sich alle demokratisch einbezogen fühlen, anderenseits eine Hürde, dass Dinge nicht voran gehen, weil keine Entscheidung fällt.
Sapmi hat geschrieben: Nun ja, es kann einem "so vorkommen", denn jeder bringt ja seine eigene Mentalität in ein anderes Land mit.
Sapmi hat geschrieben: Aber naja, da muss man natürlich auch knallhart sagen: Wer nicht gerade politischer Flüchtling ist oder sonstwie keine Wahl hat, für den gibt es hier genau 2 Alternativen: Entweder damit klarkommen bzw. sich auf Dauer irgendwie so damit arrangieren, dass man sich nicht inmer wieder darüber ärgern muss, oder mit allen Konsequenzen einsehen, dass es dann auf Dauer doch das falsche Land ist.
Das war nach meiner Verständnis nicht Ironblizzards Thema: es ging nicht um "Deutsche schlecht integriert im finn. Arbeitsleben" sondern, wenn man aufeinander beruflich trifft und das Verhalten des anderen falsch deutet / nicht zu deuten weiss. Wenn sie nur mit Finnen beruflich zu tun hat, muss sie sich weder unterordnen noch darüber schweigen. Durch Ansprechen geht einem das Licht auf, aber wenn man es in sich frisst, bleibt die Hürde immer zwischen den Menschen. Finnen witzeln selbst über ihre Art "Nach einer Präsentation "Ach so, keine weiteren Fragen, danke!" :D Im Land muss man sich nicht unbedingt unterordnen, vom Umfeld lernen, sich einbringen, Dinge besser oder schlechter finden, ohne wieder auswandern zu müssen.

Wenn all diese deutschen Miesepeter, denen in Deutschland die Politik, die Verdienste, die Preise, die Mentalität, das Wetter nicht passt, auswandern müssten... Auch im eigenen Land hat man Dinge zu akzeptieren.
Bild
Aus Finnen von Sinnen [auf Finndeutsch]: "Finnland verhält sich zu der Erde wie das Erde zu der Universum. Weisst du, wir sind ein bisschen weit weg von die Zentrum, und wenn du vorbeifliegst an uns, denkst du, ach, da gibt es doch nur Wasser und Wolken. Deswegen steigt auch wenige aus hier. Macht aber nix, sind ja auch ganz gut allein zurechtgekommen bis jetzt (...) Allerdings lässt sich dieser O-Ton (...) hochmutiger auslegen. (...) dass ihre Heimat der einzige Ort auf Erden ist, an dem sich wahrhaft intelligentes Leben findet (...)

Ironblizzard
Linie 3T-Fahrer
Beiträge: 104
Registriert: 29. Mai 2009 20:46

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aufeinander

Beitrag von Ironblizzard » 5. Jul 2010 19:47

Sunny hat´s erkannt:
Es geht um das Aufeinandertreffen zweier (oder eigendlich mehrere) Kulturen innerhalb eines großen Konzerns.
Wie schon früher erwähnt ist der Hauptsitz in Finnland, die Niederlassungen weltweit. Im jeweiligen Land arbeiten fast ausschließlich Einheimische.
Kontakt gibts hauptsächlich via Telefon und E-Mail. Dienstreisen sind eher selten.

Natürlich kann man die Nordeuropäische Art nicht oder nur schwer mit der Mittel- und Südöstlichen Mentaliät vergleichen, aber ich würde gerne meine positiven und negativen Erfahrungen mit meinen finnischen Kollegen kurz zusammenfassen.

Positiv:
-) Sehr kompetentes Auftreten
-) Hilfsbereitschaft
-) Freundlichkeit
-) genaue Arbeitsweise

Negativ:
-) militantes Einhalten aller Regeln und Vorschriften
-) -> daher Flexibilität gleich 0
-) Mehr theoretisches als praktisches Denken
-) Veränderungen sind unerwünscht
-) und eben die Scheu vor Diskussionen/ Auseinandersetzungen

Vielleicht ist arrogant wirklich das falsche Wort, aber was würdet ihr empfinden, wenn Ihr an die Decke geht und die Antwort am Telefon schweigen oder ein "Aha" ist.
Oder man keine Antwort auf Kritik E-Mails bekommt, in der Hoffnung wir vergessen drauf, und das Thema geht unter.

Benutzeravatar
sunny1011
Passwechsler
Beiträge: 11753
Registriert: 10. Apr 2005 16:01
Wohnort: Wo das Herz zuhause ist

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aufeinander

Beitrag von sunny1011 » 5. Jul 2010 21:46

Ironblizzard hat geschrieben:Sunny hat´s erkannt:
Es geht um das Aufeinandertreffen zweier (oder eigendlich mehrere) Kulturen innerhalb eines großen Konzerns.
Wie schon früher erwähnt ist der Hauptsitz in Finnland, die Niederlassungen weltweit. Im jeweiligen Land arbeiten fast ausschließlich Einheimische.
Kontakt gibts hauptsächlich via Telefon und E-Mail. Dienstreisen sind eher selten.
Guck :mrgreen: war nicht so schwer :wink: - viel Virtuelles, wenig persönliches - das ist keine Ausnahme. Habt ihr wirklich keinen finnischen Vorgesetzten? Finnen gehen meistens nach dem amerikanischen Modell, dass (mind. für den Anfang oder sogar dauerhaft )die Führungskraft von HQ geschickt wird (nach dem Internationalisierungsmuster von Dowling & Welch; hab ich im finn Kurs über Internationales Personalwesen gelernt).
Ironblizzard hat geschrieben: Natürlich kann man die Nordeuropäische Art nicht oder nur schwer mit der Mittel- und Südöstlichen Mentaliät vergleichen,
Mitteleuropäische ist noch relativ einheitlich bis auf die Demokratie und Konsensussuche im Norden, aber ein persönliches Kennenlernen erstetzt nichts und die Sparmassnahmen und finnische Begeisterung für Medien machen es nicht weniger wichtig. Mit südostl. meinst Du asiatisch? Da gibt es überraschende Parallelle z.B. bzgl. Konfrontation.
Ironblizzard hat geschrieben: -) militantes Einhalten aller Regeln und Vorschriften
-) -> daher Flexibilität gleich 0
Hm, da spielt bei Veränderungsscheu und Mangel an Flexibilität sicher Firmenkultur mit, denn ich hab besonders ausgeprägte Flexibilität erlebt, die sehr kreativ sein kann :elch: , oder in die andere Richtung (je nach Führungspotential) im Chaos versinken :daumrunter: kann - als sehr typisch empfunden. Es ist z.B. durchaus möglich eine Idee, neuen Aufgabenbereich einfach vorschlagen und ihn übernehmen oder einen passenden Spezialisten dafür zu finden.

Qualitätssysteme sind ziemlich in den Kinderschuhen und die durchzusetzen, ist nicht einfach in Finnland (genauso wenig in alteingesessenen deutschen (Familien)unternehmen).

Die für Euch sichtbare Einhaltung von Vorschriften und Unwilligkeit vor Veränderungen kann ihre Wurzeln darin haben, wenn die Initiative von der deutschen Seite kommt und man reagiert darauf schlichtweg "allergisch" und versteckt sich hinter lokalen Vorschrifen, um nichts ändern zu müssen, nur WEIL. Man will nicht das Ruder aus der Hand geben - DAS ist sehr deutlich sichtbar.
Ironblizzard hat geschrieben: -) Mehr theoretisches als praktisches Denken
-) Veränderungen sind unerwünscht
Auch sehr praktisches Denken ist mir besonders aufgefallen, aber untermauert vom Wissen/Fortbildungen, daher möglicherweise theoretisch. Das würde ich nur situationsbedingt negativ sehen, eher beim "Rad neu erfinden", denn zu selten wird über den (finnischen) Tellerrand geschaut, was es schon (auf der Welt) gibt und man es nicht nochmal erfinden muss.

Mit Genauigkeit, Organisationstalent und Initiative - da muss ich Dich enttäuschen, wird ständig erwähnt und nur auf meine Nationalität geschoben. :mrgreen:
Bild
Aus Finnen von Sinnen [auf Finndeutsch]: "Finnland verhält sich zu der Erde wie das Erde zu der Universum. Weisst du, wir sind ein bisschen weit weg von die Zentrum, und wenn du vorbeifliegst an uns, denkst du, ach, da gibt es doch nur Wasser und Wolken. Deswegen steigt auch wenige aus hier. Macht aber nix, sind ja auch ganz gut allein zurechtgekommen bis jetzt (...) Allerdings lässt sich dieser O-Ton (...) hochmutiger auslegen. (...) dass ihre Heimat der einzige Ort auf Erden ist, an dem sich wahrhaft intelligentes Leben findet (...)

Ironblizzard
Linie 3T-Fahrer
Beiträge: 104
Registriert: 29. Mai 2009 20:46

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aufeinander

Beitrag von Ironblizzard » 6. Jul 2010 21:33

Hey Sunny!

Mich würden deine Erfahrungen zu Beginn deiner Karriere in Finnland interessieren.
Wie war es für dich am Anfang?
Was denken den die Finnen über uns Mitteleuropäer?

Benutzeravatar
sunny1011
Passwechsler
Beiträge: 11753
Registriert: 10. Apr 2005 16:01
Wohnort: Wo das Herz zuhause ist

Re: Finnische und deutsche Arbeitswelt trifft aufeinander

Beitrag von sunny1011 » 6. Jul 2010 22:59

Oh, das lässt sich nicht so einfach erklären... nur der ganze Verlauf macht Sinn.

- erste Firma wurde von ausländischer Muttergesellschaft in Finnland gegründet und so hatte ich Glück, genau dem gesuchten Profil zu entsprechen (denen war ja egal, ob man Finnisch kann). Die "junge" Kultur war nicht wirklich sehr Finnisch. Die meisten waren auch längere Zeit im Ausland, danach sind Finnen etwas anders. Es wurde auch nicht viel getan, um Identität zu kreiieren. Ich pflege noch einige sehr gute Freundschaften (meistens mit Finnen aus dieser Firma), wir haben sogar ein "Ex"-Treffen. Ein Teil waren kunterbunte, andere Nationalitäten. Ebenfalls haben uns einige Höhen und Tiefen sehr zusammengeschweisst. Im sozialen Bereich wurde oft auf Finnisch gesprochen, nach und nach wussten einige "Du kannst es doch auch, sicher verstehst Du". Ich fand's wichtig, wirklich zu können, um "drin" und nicht draussen zu sein. Sehr interessant fand ich die Zusammenarbeit auf internationaler Basis (mit einem Ex-Ostblockland). In der Luft gab's Konkurrenzkampf seitens der Finnen, weil über kurz oder lang die Jobs einfach dort wegflutschen könnten. Das war natürlich nicht sehr förderlich für das Projektarbeitsklima. Auf persönliche Kontakte zwischen den Filialen wurde ebenfalls nicht viel wert gelegt - es gibt doch E-Mail und Telefonkonferrenz :pfeif: . Nach und nach (durch einige Besuche dann letztendlich) hat's sich etwas entspannt. Eins was sicher in D kritisch wäre: als Teamleiterin später hatte ich zwei meiner ehem. Vorgesetzten im Team. Sowas würde man ohne Reibereien in D sicher nicht gern hinnehmen. In Finnland ist sowas (menschenabhängig) kein Thema. Teammässig konnte man auf die Leute wirklich zählen, alle waren sehr offen (Mehrheit waren Frauen) und gesprächsfreudig, wenn's um die Wurst ging, vielleicht eben zurückhaltender.

Jetztige Firma: international, aber nicht meine Business Unit. Die ist Finnisch. Der Umstieg auf Finnisch als Arbeitssprache - sehr herausfordernd, unendlich dankbar, so eine Chance zu bekommen (passiert selten). Mitarbeiter von sehr jung, bis kurz vor Rente (Mehrheit Männer), sehr positiver Empfang, auch wenn einige eine "Aufwärmphase" gebraucht haben, aber ist ja nunmal eine neue Situation, die man ihnen nicht übel nehmen kann. Da viele Aktivitäten neben der Arbeit, daher auch entsprechend enger Kontakt. Viele vergessen manchmal, dass ich keine Finnin bin :pfeif: (gelegentliches Lästern über Deutschland, aber eben nicht bösgemeint). Sehr innovativ, viel Spielraum Ideen einzubringen, sehr viel teamgeist, vielleicht eben etwas "zu artig" (keine Meinungsverschiedenheiten, langsame Entscheidungen -- meinen sie selbst ja auch). Tragen Arbeitssandalen :mrgreen: . Meine Arbeit besteht aus Kritik ausüben (wer hätt's gedacht :twisted: ). Mentalitätsmässig kann ich mir nicht vorstellen, dass man Änderungsvorschläge so deutschen Ingenieuren vortragen könnte. Hier erzielt man sehr produktive Ergebnisse, man bespricht Dinge und tut sie. Schreibe ich mal wieder der Firmenkultur zu. Man kann selbstständig arbeiten aber braucht nicht zu scheuen, andere um Hilfe zu bitten. Man wird um Hilfe gebeten und dabei nicht ausgenutzt. Ehrlich gesagt viel unkomplizierter (obwohl ich nie in einer typisch deutschen Umgebung gearbeitet habe, sondern bei Amis in D). Mehr kann ich nicht herauspiecksen, da ich hier recht lange bin, da fällt mir das "anders sein" gar nicht so krass auf (und meinen Kollegen noch weniger, bzw. die lassen mich ja auch anders sein, sollte das je der Fall sein :D ).
Ironblizzard hat geschrieben: Was denken den die Finnen über uns Mitteleuropäer?
Speziell über Deutsche: ab und zu (je nachdem wer) lassen sie natürlich Lästereien los, meist Stereotypen von denen sie keine Ahnung haben, plappern nur nach (Bürokratie, Stempel, Titelmanie, Arroganz, Überlegenheit, Kleinlichkeit). In der Tat schätzen sie aber deutsche Arbeitsweise imho sehr. Es steht für Qualität, Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Initiative, in manchen Bereichen Vorreiterfuktion, grossen Marktpotential. Mag selbst nicht so gern, wenn meine Eigenschaft dem "typisch deutsch" zugeschrieben wird. Es gibt sicher auch Deutsche, die ein Produkt im Test nicht so arg ausseinandernehmen würden wie ich (ist ja schliesslich mein Job, bzw. ein Teil davon). Wiederrum kann es vorkommen, dass ich schon mal 15 Min. zu spät auftauche. Deutsch?

Sich gegenseitig besser Kennenlernen - nur damit kann das Zusammenspiel besser werden :elch: .

Fazit: ich möchte all diese Erfahrungen nicht mehr missen :ok: Recht wenig unschönes - aber das macht stark.
Bild
Aus Finnen von Sinnen [auf Finndeutsch]: "Finnland verhält sich zu der Erde wie das Erde zu der Universum. Weisst du, wir sind ein bisschen weit weg von die Zentrum, und wenn du vorbeifliegst an uns, denkst du, ach, da gibt es doch nur Wasser und Wolken. Deswegen steigt auch wenige aus hier. Macht aber nix, sind ja auch ganz gut allein zurechtgekommen bis jetzt (...) Allerdings lässt sich dieser O-Ton (...) hochmutiger auslegen. (...) dass ihre Heimat der einzige Ort auf Erden ist, an dem sich wahrhaft intelligentes Leben findet (...)

Antworten

Zurück zu „Arbeiten in Finnland/Jobs“