Bewerben in Finnland

Fragen zur Erlangung einer Arbeitserlaubnis, Beschäftigungsmöglichkeiten, Sozial- und Krankenversicherung

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Candlewic
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Bewerben in Finnland

Beitrag von Candlewic » 13. Jan 2007 11:12

Hallo Leute.

Zur zeit arbeite ich als Produktdesigner bei Dyson in England (http://www.dyson.com).
Also im Grunde gute Vorraussetzungen :) Ist ein ziemlich erfolgreicher und bekannter
Laden in Sachen Produktdesign.

Ich werde mich dieses Frühjahr in Finnland bewerben.
Dazu wäre ich für jeden Tipp dankbar.

Weiss jemand, ob es grosse Unterschiede bei der Bewerbung gegenüber Deutschland gibt?

Lebenslauf - Wie ausführlich?
Referenzen - unbedingt mit Emailadresse und Telefon angeben, oder nebensächlich?
Anschreiben...?

Beste Grüsse aus Malmesbury!
Björn
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Puolukka
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von Puolukka » 13. Jan 2007 17:48

Hallo auch nochmal an dieser Stelle

Es gibt einen "Finnish Document standard", der vorschreibt, wie man zum Beispiel einen Lebenslauf auf den Papier anordnet, wo was hinkommt (Name, Adresse, etc) - Formsache also. Wir haben ein Beispiel gehabt in der Schule, das könnte ich dir als Muster zuschicken wenn du magst... ist allerdings chronologisch. Bei Leuten mit Berufserfahrung wird dann eher der funktionelle Stil angewendet.

Mehr zu dem Thema können dir sicher erfahrenere Leute erzählen ;)
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Candlewic
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von Candlewic » 14. Jan 2007 22:30

Sehr gerne!

Kannst Du mir den Link - oder das File auf meine Emailadresse
schicken?

Beste Grüsse!
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sunny1011
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von sunny1011 » 17. Jan 2007 15:32

Hallo,

wenn es sich nicht um öffentlichen Dienst handelt und die Anzeige erfordert nur CV und Anschreiben (meistens in elektronischer Form), soll man es dabei belassen. Der Lebenslauf ist ziemlich frei, ein Unterschied: man geht rückwärts (also zuerst das Neuste) und hält sich nicht mit Details auf wie Grundschule). Es gehört kein Foto drauf. Referenzen (wenn nicht ausdrücklich gewünscht) können angegeben werden (mit Telefonnummer und Funktion) - liegt ganz bei Dir. Eins ist klar - die Personen sollten erst gefragt werden und über Deine laufenden Jobbewerbungen immer unterrichtet werden. Nur wenn gewünscht, dann ein gescanntes PDF von Arbeitszeugnissen oder Referenzen. Wenn sie aufgelistet werden, wird meistens daraus gebrauch gemacht :) Das Anschreiben soll in der Sprache erfolgen, in der die Anzeige geschaltet ist. Der Lebenslauf ist meistens auf Englisch (Faustregel, wenn CV gewünscht, ist es auf Englisch, aber auch für Finnisch würde Dir keiner den Kopf abreissen), wenn Ansioluettelo gefragt ist, dann ist es auf Finnisch. Ich hab einige, auch meine persönlichen Muster bzw. es gibt schon Beiträge dazu hier im Forum.

Gegenüber dem deutschen Verfahren ist finnisches Bewerbungsverfahren viel flexibler und problemloser. Nur im öffentlichen Dienst braucht man Siegel und Tonnen von Papier, wie in Deutschland. Aber das als Product designer willst Du sicher nicht?

Viel Erfolg!
Zuletzt geändert von sunny1011 am 17. Jan 2007 15:33, insgesamt 1-mal geändert.
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Aus Finnen von Sinnen [auf Finndeutsch]: "Finnland verhält sich zu der Erde wie das Erde zu der Universum. Weisst du, wir sind ein bisschen weit weg von die Zentrum, und wenn du vorbeifliegst an uns, denkst du, ach, da gibt es doch nur Wasser und Wolken. Deswegen steigt auch wenige aus hier. Macht aber nix, sind ja auch ganz gut allein zurechtgekommen bis jetzt (...) Allerdings lässt sich dieser O-Ton (...) hochmutiger auslegen. (...) dass ihre Heimat der einzige Ort auf Erden ist, an dem sich wahrhaft intelligentes Leben findet (...)

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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von Candlewic » 17. Jan 2007 19:33

Auch Danke an Dich für die ausführliche Antwort.

Da es wohl keinerlei Produktdesigner im öffentlichen Bereich gibt,
kann ich also im ersten Anlauf auf die "Tonnen" von Papier verzichten ;)

Natürlich werde ich jede Firma vorher anrufen, da ich mich wohl
überwiegend initiativ bewerben werde.

Gruss Björn
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von susku » 14. Feb 2007 11:28

Noch ein Tip: falls Du irgendjemand in der Branche hier kennst, nutze den Kontakt. In Finnland passiert unheimlich viel über persönliche Kontakte, auch wenn natürlich öffentlich weniger darüber gesprochen wird :)
susku =)

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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von Candlewic » 14. Feb 2007 20:53

Tja - bei einer Firma kenne ich jemanden recht gut. Und die wird auch mein erste Anlaufpunkt.
Sonst kenne ich leider nur Leute in Finnland,die nichts mit Produktdesign zu tun haben...

Aber ich werde vorher immer bei der Firma anrufen und damit sollte ich wenigstens einen ersten Kontakt haben, auf den ich mich beziehen kann :)

Gruss Björn
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Zeratul
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von Zeratul » 8. Mär 2008 22:43

wie wichtig sind Arbeitszeugnisse?
Abiturzeugnis etc auch nur wenns gefordert ist?!

hm wenn die Anzeige auf finnisch geschaltet ist, aber nicht drinsteht, dass man finnisch können muss, wie mach ich dann das Anschreiben? Lieber Englisch oder lieber übersetzen lassen und irgendwo anmerken, dass man Hilfe dabei hatte???
Weil ich ja Jobs suche, wo man erstmal nur Englisch braucht (die es auch gibt).

wie wichtig sind die Referenzen?!
wüsste grad nich, wen ich angeben sollte
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sunny1011
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von sunny1011 » 9. Mär 2008 12:43

Zeratul hat geschrieben:wie wichtig sind Arbeitszeugnisse?
Ein gutes Zeugnis ist natürlich wichtig, aber bei erster Einsendung nur wenn gefordert (und das ist äusserst selten) beilegen, meistens ist es eh elektronisch. Zum Gespräch mitnehmen ist entweder verlangt oder freiwillig. Ob man es vorführt, ergibt sich aus der Situation heraus. Meine neue Firma hat mich gebeten alles was ich habe mitzubringen und haben es vor Ort kopiert - Übersetzungen haben sie natürlich nicht verlangt, hatte das meiste auf Englisch oder Deutsch.
Zeratul hat geschrieben:Abiturzeugnis etc auch nur wenns gefordert ist?!
Gehört in die Mappe, eher nicht als Scan/Kopie (es sei denn im öffentlichen Dienst, aber ich nehme mal an, das ist keine Alternative für Dich.
Zeratul hat geschrieben:hm wenn die Anzeige auf finnisch geschaltet ist, aber nicht drinsteht, dass man finnisch können muss, wie mach ich dann das Anschreiben? Lieber Englisch oder lieber übersetzen lassen und irgendwo anmerken, dass man Hilfe dabei hatte???
Die Realität ist so, dass wenn es auf Finnisch ist und Sprachen nicht ausdrücklich gelistet, dann ist es so, dass man ziemlich schlechte Karten hat, wenn man es nicht kann. Es ist nunmal selbstverständlich oder steht es immer in deutschsprachigen Inseraten "Deutsch ein Muss"?) :mrgreen: Das bringt nichts, wenn es jemand für Dich verfasst. Seitdem ich auch auf Finnische Anzeigen in Finnisch antworte (früher ganz frech auch auf Englisch mit mehr oder weniger Erfolg), dann hab ich den Text aber nach bestem Wissen und Gewissen selbst geschrieben, nach Musterbriefen geguckt, prufen lassen, aber nicht ganz fremd aufgesetzt, denn beim Gespräch sehen sie so oder so, welche Sprachkenntnisse man mitbringt. Oft kann man aus dem Kontext und wenn man die Seite der Firma erforscht, ob es lohnt, dennoch auf Englisch zu schreiben. Genau wie jetzt, meine neue Firma hat auf Finnisch inseriert, ausdrücklich Englisch verlangt, dann schreibe und stell ich mich vor auf Finnisch, aber inzwischen sind sie tatsächlich offen für Ausländer, auch ohne Finnisch (in der R&D). Vor ein paar Tagen hab ich von einer Firma ne Absage abkassiert, bei der ich mich parallel auf einen identischen Job beworben habe und die auf Englisch inseriert hat, mehr international als mein neuer Arbeitgeber ist und mir telefonisch bei einer Vorsprache zugesichert hat, dass man kein Finne sein muss (werden übrigens alle so sagen, auch wenn sie es anders handhaben). War mir aber inzwischen eh egal :mrgreen: . Es spielen sehr viele Faktoren zusammen.

Falls ein Kontaktname angegeben wird, um weitere Infos zum Job zu erfragen, lohnt es sich anzurufen. Du stellst schon mal Kontakt her, kannst noch besser Deine Bewerbung abstimmen auf die Anforderung und bist schon eine "Person", kein Name aufm Papier für den Arbeitgeber.
Zeratul hat geschrieben:Weil ich ja Jobs suche, wo man erstmal nur Englisch braucht (die es auch gibt).
Das wäre auch die richtige Entscheidung, zumal sie tatsächlich existieren. Die Auswahl ist natürlich geringer, aber als Einstieg würd ich dabei bleiben, denn es ist nicht wirklich realistisch sofort in eine rein Finnischsprachige Firma einzusteigen, leider... Besonders in Deiner Branche handelt es sich um eine Fachsprache, oft auch um einen ziemlich schmutzigen (IT-)Jargon (Finnglish), den Du leider aus keinem Buch lernen kannst.
Zeratul hat geschrieben: wie wichtig sind die Referenzen?!
wüsste grad nich, wen ich angeben sollte
Sie sind inzwischen ziemlich üblich, manchmal wichtiger als Zeugnisse und werden auch oft in Anspruch genommen, d.h. die Firmen kontaktieren die Personen wirklich. Man kann es auf zwei verschiedene Art und Weise machen: Im Lebenslauf nur als Spalte "References" -- available on demand und dann muss Dich der pot. Arbeitgeber darum bitten, wenn der Prozess fortgeschritten ist (sie fragen eh nicht sofort von allen 50 Bewerbern sondern erst in der engsten Auswahl), oder Du listest ein paar Leutchen mit Firma/Institution, Funktion, Tel.Nr. und E-Mail und dann ist die Firma befugt, direkt zu kontaktieren (sie sagen Dir aber oft, dass sie es vorhaben, jetzt die Referenzen zu befragen). Wichtig ist, dass Du diejenigen um Erlaubnis fragen sollst, ob sie für Dich als Referenz genannt werden dürfen und sie auch auf dem laufenden halten sollst, welche Firma sie kontaktieren könnte, damit sie bescheid wissen. In jeglichen offenen CVs (online oder so) sollte man eher die Option 1 auswählen und die Namen nicht unbedingt offen im Netz stehen lassen. Es eignen sich frühere Vorgesetzte aber auch "character reference from a former colleague" ist durchaus üblich. Ebenfalls Diplomarbeitenbetreuer usw. sind eine gute Quelle.

Bzgl. CV, der kann ruhig auf Englisch bleiben, ist durchaus üblich und lt. einem Bewerbungstraining heisst CV eher die englische Version und ansioluettelo auf Finnisch, ebenfalls tabularisch. Die Form ist in Finnland sehr frei, soll übersichtlich bleiben und nicht zu sehr in die Grundschule zurückgehen. Abi/Gymnasium ist genügend. Es gibt auch nicht so eine grosse Panik um die Lücken wie "arbeitssuchend" :roll: und keine Details wie Religion. Man zählt Jobs und Schulen meistens rückwärts auf (also neuste zuerst). Auch eine Zusammenfassung wie "key skills" ganz am Anfang kommt gut an - ein paar bulleted points (ähm, wie heisst das?). Ich hab vor einigen Jahren so umformuliert, dass erst mittig Name, Adresse Kontaktdaten stehen, dann ein Fenster mit Key skills, dann Jobs, dann Schulen, Seminare, Mitgliedschaften, Sprachen, PC skills, Referenzen, erst dann Personendetails wie Geburtsdatum, Nationalität, Familienstand und am Ende Hobbys (ist ein persönlicher Touch, lockert auf und ist willkommen, nur eben nicht seitenweise). Dadurch, dass die Form frei ist, vermeidet man, dass Dinge wie "uh, Ausländer *wegleg*" oder "uh, Frau, geht sie gleich noch in Babypause" entfallen und der pot. Arbeitgeber konzentiert sich erst auf die Kenntnisse und es wird mehr oder minder Interesse geweckt. Nebensächliche Dinge können es verbauen.

Faustregel: anschreiben nicht mehr als 1 Seite, Lebenslauf möglichst kurz und übersichtlich, ich glaube 3 Seiten sind so ziemlich die Schmerzgrenze.

Fotos waren ziemlich unüblich, manchmal verlangt, inzwischen kann man ein Foto im CV hinzufügen. Lägst nicht so strenge Vorgaben wie in D. Dazu braucht man Fingerspitzengefühl was geht aund was nicht.

Und nicht vergessen: wenn Du eingeladen wirst und es doch nicht klappt, nicht verzweifeln. Es ist eine Erfahrung und Routine mehr, Du wirst Dich immer besser auf die Situation einstellen können, Du wirst selbstbewusster und weniger gestresst. Ich weiss, dass es nicht einfach ist, man will den Job soooo sehr, aber es hat schon alles seine Richtigkeit.

Ich persönlich hatte eine ziemlich grossangelegte Bewerbungsaktion in 2005, dabei wurde ich zu einem Drittel zum Interview eingeladen, manchmal sogar zu den psych. Tests. Meine Freunde sagen, es ist eine hohe Trefferquote besonders bei einem Ausländer. Natürlich war ich niedergeschlagen, dass es nicht geklappt hat und ich weiss, dass es nicht daran lag, dass ich nicht genügend gelernt habe (leider ganz im Gegenteil). Nun hab ich hier und da mal wieder 2007 rumgeschaut, war in 1-2 Gesprächen im Herbst und wieder verdammt nah. Dann fing es wieder im Dezember an und es hat wunderbar geklappt! Die Chemie muss einfach stimmen. Geduld braucht man allemal. Schlechte Jobs kann man immer finden, aber damit es beidseitig "passt" - alles zu richtigen Zeit.

Tsemppiä!

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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von Zeratul » 9. Mär 2008 20:28

danke für die umfangreichen infos!
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sunny1011
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von sunny1011 » 29. Jul 2008 20:22

Aus dem "die neue Armut der Finnen"-Thread über strifyfan Jobsuche im Bereich Soziales/Erzieherin.
sunny1011 hat geschrieben:
strifyfan hat geschrieben:Hi. Da ich gerne nach Helsinki auswandern möchte würde ich gerne wissen, ob und wie schlimm es wirklich is? Kann mir da einer helfen? Hab den Bericht nämlch auch gesehen. Es is natürlich klar, dass da auch nich alles rosig is-sowas gibt's nich, man kann immer etwas verbessrn. Hoffe, es is nich ganz so schlimm wie hier in Deutschland.?
Es ist gar nicht schimm(er) als in vielen anderen Ländern. Mit einem Job kann man ganz gut leben. Die Lebenskosten sind höher, aber das hängt sehr viel vom Lebenstil und Bedarf ab (bzgl. Luxusgüter wie Ausgehen, Reisen, Auto, Alkohol, Mietpreise). Als Ausländer, auch EU-Ausländer sind die anfänglichen Sozialansprüche natürlich sehr gering, aber ein Aufenthalt für die Jobsuche, sofern man ihn finanzieren kann, soll (alt)EU-weit grundsätzlich möglich sein. Die Sprachkenntnisse sind natürlich wichtig für die Jobsuche, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand mit der Fertigkeit bereits ins Land kommt. Wenn man schon da ist, sollte man - obwohl in Helsinki mit Englisch durchkommen kann - die Sprache intensiv lernen/aufnehmen und sie nicht scheuen. Je nach Beruf stehen die Chancen nicht schlecht, denn wie in anderen Ländern auch, gibt es angeblich Mangel an qualifizierten Leuten und da lockern sich die Ansichten, zumal die Einstellung von Ausländern früher viel "geschlossener" war als z.B. in D, wo man an Menschen mit Akzent/geringen Sprachkenntnissen seit eh und je gewöhnt ist. Die IT Branche hat noch kleine Inselchen, auf denen auf Englisch gearbeitet wird. "Englisch ist unsere Firmensprache" sollte man nicht überbewerten, denn oft stimmt es nur als Modespruch. Neuerdings ist die Bau- und Servicebranche überfüllt mit Polen, die auch die Sprache nicht beherrschen (aber erstaunlich schnell lernen; in der Not frisst der Teufel fliegen). Das drückt allerdings die Lohnpreise nach unten. Gesundheitsleistungen stehen theoretisch allen zu, Firmen sorgen für private Leistungen, da das öffentliche System überlastet ist. Arbeitslosengeldanspruch könnte man verbessern, in dem man Mitglied eines Arbeitslosenfonds oder Berufsverbandes für 1% Zahlung vom Bruttogehalt wird, denn ungeachtet des Gehalts ist das staatliche Arbeitslosengeld im Falle des Falles sehr mau.

In Helsinki gibt es im Caisa Zentrum auch ein internationales Arbeitsamt, ansonsten soll man nun wirklich selbst aktiv werden, denn etwas vermittelt zu bekommen - da kann man fast so lange warten, wie in D auch.

Wenn man einen Traum hat, sollte man ihn anpacken und auf einer soliden, sei es finanziellen, Grundlage verwirklichen. Ein Besuch im Land vor der Entscheidung ist ratsam, ebenfalls ein offenes Türchen im Heimatland. Wer nicht wagt, der gewinnt nicht.
Peter hat geschrieben:
strifyfan hat geschrieben:Vielen Dank für die Auskunft sunny1011. Ich wollte mich da als Erzieherin/Kindergärtnerin bewerben. Hoffe ich habe dann da gute chancen.
Entscheidend für deine Chancen ist da deine Ausbildung. Die hier übliche Ausbildung zur Erzieherin/Erzieher an einer Fachschule für Sozialpädagogik gibt es in Finnland nämlich nicht. Die finnische Ausbildung zur Erzieherin (Kindergarden Teacher) erfordert einen Hochschulabschluß im Fach Erziehungswissenschaften. Ein Bachelor Abschluss ist Standard, ein Master noch besser. Aber Ausnahmen bestätigen wie überall auch in Finnland die Regel. So gibt es private Kindergärten (auch bilinguale), die nicht so hohe Voraussetzungen bei den Erzieherinnen erwarten. Da kann dann natürlich auch nicht das übliche Gehalt erwartet werden. Wie ich ganz aktuell erfahre, hat es sogar eine Absolventin einer deutschen Fachhochschule mit dem Abschluss als Dipl.-Sozialpädagogin bei der Bewerbung in finnischen Kindergärten schwer, eben deshalb, weil sie keinen Hochschul- bzw. Universitätsabschluss hat. Da unterscheiden die Finnen streng. Die neuen Zauberworte heißen auch dort Bachelor und Master. Vielleicht versuchst du es mal an einigen finnisch-deutschen Kindergärten, die es ja in größeren Städten gibt. Schau z.B. mal hier:

http://www.helsinki.diplo.de/Vertretung ... erten.html

Ach ja: Die finnische Sprache solltest du gerade als Erzieherin in Finnland schon beherrschen! Bedenke, dass du die Kids an die Schule heranführen sollst. Dabei ist es u.a. erforderlich, bei den Kleinen Sprachentwicklungsprobleme und Verzögerungen und andere Sprachfehler rechtzeitig zu erkennen, um den Eltern entsprechende Hilfen aufzeigen zu können.

Evtl. weitere Fragen/Diskussionen zu diesem Thema bitte unter "Arbeiten in Finnland/Jobs"!
Hier geht's weiter.
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Aus Finnen von Sinnen [auf Finndeutsch]: "Finnland verhält sich zu der Erde wie das Erde zu der Universum. Weisst du, wir sind ein bisschen weit weg von die Zentrum, und wenn du vorbeifliegst an uns, denkst du, ach, da gibt es doch nur Wasser und Wolken. Deswegen steigt auch wenige aus hier. Macht aber nix, sind ja auch ganz gut allein zurechtgekommen bis jetzt (...) Allerdings lässt sich dieser O-Ton (...) hochmutiger auslegen. (...) dass ihre Heimat der einzige Ort auf Erden ist, an dem sich wahrhaft intelligentes Leben findet (...)

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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von sunny1011 » 29. Jul 2008 21:20

Peter hat geschrieben: Entscheidend für deine Chancen ist da deine Ausbildung.
Ich würde unbedingt hinzufügen "...und Berufserfahrung".
Peter hat geschrieben: Die hier übliche Ausbildung zur Erzieherin/Erzieher an einer Fachschule für Sozialpädagogik gibt es in Finnland nämlich nicht. Die finnische Ausbildung zur Erzieherin (Kindergarden Teacher) erfordert einen Hochschulabschluß im Fach Erziehungswissenschaften.
Ammattikorkeakoulu also? Ich würde dann einen Fachhochschulabschluss in Sozialwissenschaften nicht darunter stellen. Fakt ist aber, der passt dann nicht 100% auf den Berufsprofil und vor allem - er ist "fremd" - das sind schon die Gründe, dass man dann nicht ankommt :( Selbst neulich in KELA Studie hiess es, dass Finnen, die mit einem Auslandsabschulss/evtl. Berufserfahrung Probleme hätten einen Jobeinstieg zu schaffen. Normalerweise (und ich wette, hier ging es nicht um Privatsektor) ist Auslandserfahrung topp. Wiederrum gegenüber Ausländern mit Abschluss sind sie vorsichtiger, und das ist verständlich, aber es öffnet sich immer mehr und macht das Berufsleben (imho) kunterbunt und erfinderisch und nicht alle vorgeformt nach einem Standard. Aus diesen Gründen kann man auf Granit beissen, wie Du schreibst, Peter, aber keinesfalls, dass FH "weniger" wert wäre als eine finnische AMK (im Sinne der "Hochschulausbildung") - sie dauert in der Regel kürzer und (zumindest in vielen Berufen) ist weniger praktisch orientiert. Allerdings würde ich strifyfan deswegen nicht alle Illusionen nehmen.
Peter hat geschrieben: Aber Ausnahmen bestätigen wie überall auch in Finnland die Regel.
Wenn mich jemand fragen würde, wer ist zeugnisfixiert im Bewerbungsverfahren, Deutsche oder Finnen. Meine Antwort wäre eindeutig: Deutsche!
Wenn mich jemand fragen würde, wer ist am meisten zeugnisfixiert :roll: : meine Antwort wäre finn. öffentlicher Dienst, alles nach dem Buch..
Wer am schnellsten umdenken muss, da es keine Kandidaten gibt? Das sind gerade viele sozialen Berufe hier in Finnland und der Trend ist schon sichtbar. Ganz sicher ist die finnische Sprache unabdingbar, aber auch da wird gerade stark der Kurs gewechselt: man muss nicht akzentfrei sprechen.
Peter hat geschrieben: So gibt es private Kindergärten (auch bilinguale), die nicht so hohe Voraussetzungen bei den Erzieherinnen erwarten. Da kann dann natürlich auch nicht das übliche Gehalt erwartet werden.
Hm, schliesslich zahlen die Eltern dafür... Ich würde es nicht als "natürlich" erwarten, weniger Geld zu bekommen und weniger Qualifiziert zu sein, denn gerade für z.B. internationale KiGas bringt eine Muttersprachlerin etwas Besonderes in Form ihrer (Mutter)sprachkenntnisse und der Fertigkeit, eine authentische Kultur zu vermitteln, und das sollte auch der Sinn eines internationalen KiGas sein, mehr als gebrochen Französisch zu lernen - zusätzlich dann natürlich ihre Ausbildung. Nur das stimmt schon: das will ja selten jemand zusätzlich vergüten, eher erhofft man sich einen Bonus, weil derjenige Ausländer ist.
Peter hat geschrieben: Wie ich ganz aktuell erfahre, hat es sogar eine Absolventin einer deutschen Fachhochschule mit dem Abschluss als Dipl.-Sozialpädagogin bei der Bewerbung in finnischen Kindergärten schwer, eben deshalb, weil sie keinen Hochschul- bzw. Universitätsabschluss hat.
Es ist Fachhochschule. Als Gründe (besonders im finn. öff. System) könnte ich mir höchstens vorstellen, dass es um den Umfang des Studiums, die Eignung der Inhalte vs. Aufgaben und eben einen nicht-finnischen Abschluss + Sprachkenntnisse geht.
Peter hat geschrieben: Da unterscheiden die Finnen streng. Die neuen Zauberworte heißen auch dort Bachelor und Master.
In keinem Land zuvor hatte ich so einen starken Eindruck, dass die Leistung mehr zählt als Papier. Nur, der Knackpunkt ist immer, (besonders als Ausländer) erst die Chance zu bekommen, mit der Leistung zu überzeugen. Bachelor und Master - ein Fachhochschuldiplom ist weniger? :shock:

Aber die Erfahrung mit einer Bewerbung in einem regulären, öffentlichen KiGa in Deinem Umfeld Peter kann ich sehr gut nachvollziehen. Nur wollte ich herauspiecksen, dass es nicht generell für das gesamte Arbeitsumfeld Finnland gilt, da es zwei (wenn nicht mehr) Welten sind. Wie wohl überall anders, es hängt davon ab, ob man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist. Ich empfinde die Arbeitswelt in Finnland deutlich angenehmer als in D, obwohl ich nie auf die typisch-deutsche Art (bzw. die traditionelle) arbeiten musste und auch erst neulich in ein richtiges finnisches Umfeld gelangt bin (zuvor war das nicht wirklich typisch finnisch). Man merkt es derzeit, wie rasant sich die Mentalität verändert und langsam aber sicher rückt man von der Wunschvorstellung ab, dass ein Ausländer mit zig Diplomen erstmal 10 Jahre arbeitslos zuhause hockt und dann macht es peng, er kann perfekt und akzentfrei Finnisch und kann nun loslegen. Ein Lerneffekt ist im Einsatz am besten. Allerdings bezweifle ich, dass es ohne Aufenthalt im Land möglich ist, einen gründlichen Anfang mit der Sprache zu machen :( Auch für Bewerbungen muss man eher vor Ort sein, denn den Luxus, den es mal gab, dass grosse ( IT- ;) ) Firmen einem den Flug zum Gespräch bezahlt haben, sind nun passé.

Es bleibt nur, ein Hintertürchen in D offen zu halten, und hier Land, Leute und Jobsuche zu erkunden - wenn man es nicht wagt, bedauert man vielleicht danach :) . Vielleicht wäre die Gegend von Rauma und Olkiluoto auch eine Möglichkeit: derzeit entwickelt sich dort eine Art Campo Internationale, da ist sicher Kinderbetreuung auch wichtig. Und davor vielleicht ein Besuch einer 30 op Fortbildung - es gibt z.B. bei Laurea und div. AMKs Sozialwissenschaften erstmal auf Englisch und dann kann man es nach einer Weile auch auf finnisch wagen. Wenn man bereits einen Abschluss (und evtl. Berufserfahrung) hat, wird man eher ermutigt, an solchen 1-jährigen Fortbildungen teilzunehmen. Sie kosten kaum was, und je nach Ausbildungsstätte lernt man mehr oder weniger. Damit kann man aber sein Fachvokabular und lokales Wissen erweitern, besonders wenn die Inhalte einem mehr oder minder vertraut sind. Dieses Papier zeugt dann in der Tat davon, dass man es auf einer finnischen "Hoch"schule geschafft hat. Man kann damit nicht viel verkehrt machen.

Ich entschuldige mich, dass ich in vielen Punkten widersprechen musste.
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Aus Finnen von Sinnen [auf Finndeutsch]: "Finnland verhält sich zu der Erde wie das Erde zu der Universum. Weisst du, wir sind ein bisschen weit weg von die Zentrum, und wenn du vorbeifliegst an uns, denkst du, ach, da gibt es doch nur Wasser und Wolken. Deswegen steigt auch wenige aus hier. Macht aber nix, sind ja auch ganz gut allein zurechtgekommen bis jetzt (...) Allerdings lässt sich dieser O-Ton (...) hochmutiger auslegen. (...) dass ihre Heimat der einzige Ort auf Erden ist, an dem sich wahrhaft intelligentes Leben findet (...)

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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von Kathi » 30. Jul 2008 08:59

sunny1011 hat geschrieben: In keinem Land zuvor hatte ich so einen starken Eindruck, dass die Leistung mehr zählt als Papier. Nur, der Knackpunkt ist immer, (besonders als Ausländer) erst die Chance zu bekommen, mit der Leistung zu überzeugen. Bachelor und Master - ein Fachhochschuldiplom ist weniger? :shock:
Also, ich weiß ja nicht, wie's in Finnland aussieht, aber in Deutschland ersetzt der Master im Prinzip das Diplom an der Uni. Und hier ist ein Master deshalb auf jeden Fall mehr Wert als ein Fachhochschuldiplom - war mit dem alten Uni-Diplom aber genauso.
Nur ein Genie beherrscht das Chaos!
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von sunny1011 » 30. Jul 2008 15:11

Kathi hat geschrieben:
sunny1011 hat geschrieben: In keinem Land zuvor hatte ich so einen starken Eindruck, dass die Leistung mehr zählt als Papier. Nur, der Knackpunkt ist immer, (besonders als Ausländer) erst die Chance zu bekommen, mit der Leistung zu überzeugen. Bachelor und Master - ein Fachhochschuldiplom ist weniger? :shock:
Also, ich weiß ja nicht, wie's in Finnland aussieht, aber in Deutschland ersetzt der Master im Prinzip das Diplom an der Uni. Und hier ist ein Master deshalb auf jeden Fall mehr Wert als ein Fachhochschuldiplom - war mit dem alten Uni-Diplom aber genauso.
Ja, meine alte FH Richtung in Köln wurde auch in Bachelor und Master zerpflückt (also Bachelor FH und Master FH) und der Bachelor Studiengang ist wie ehem. Fremdsprachensekräterinnenausbildung, dauert dann auch nur noch 2 J. Das alte Diplom heisst jetzt Master (FH). Ich hab so verstanden, als wäre Dipl (FH) grundsätzlich weniger als sogar finnischer Bachelor, der auch idR nur 4-5 Semester dauert :shock:

Hm, zu der Definition was ist "weniger" ist ja eine heikle Sache: es gibt Studiengänge, die es (in D) z.B. spezifisch nur an der FH in dieser Form und mehr akademisch an der Uni gibt, was nicht unbedingt heisst, man ist dadurch "besser", denn wenn ich Literaturübersetzen an der Uni studiere, bin ich danach nicht besser geeignet für Wirtschaftsübersetzungen (im Berufsleben) als ein FH'ler, der spezifisch dies studierte. Vice-versa ebenfalls, da FH lediglich in Literaturübersetzungen nur reinschnüffelt(e). Zweitens, hinsichtlich "weniger und mehr" - es will doch (heutzutage) kaum einer bezahlen. Hier ist es eine Übersättigung an hoher Ausbildung und sie verliert rasch an Wert, wenn jeder Hinz und Kunz Akademiker ist. Auch in Deutschland spiegeln sich Titel nicht unbedingt im Status/Geld wieder. Ich finde, es ist die Hauptsache, dass man einen Job, der Spass macht, mit Herausforderungen, Motivation und in einer gesunden Arbeitsumgebung findet. Wenn die Kasse stimmt, umso besser und "unter Wert" muss man sich auch nicht verkaufen. Sicher werden die lokalen Diploms (fast) immer mehr "zählen" als ein ausländisches, da es eben vordefiniert und "sicher" ist.

Ich bin selbst beeindruckt von den Lernmöglichkeiten hier und nehme sie gern in Anspruch, vermisse aber oft den Bezug zum "richtigen" Leben, also praktische Fertigkeiten. Das ist aber von Hochschule zu Hochschule/AMK unterschiedlich.
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Re: Bewerben in Finnland

Beitrag von helene » 3. Aug 2008 10:13

Wie sieht es mit dem Fachschulabschluss aus? Ich bin Krankenschwester mit zig Jahren Berufserfahrung. Würde gern wieder stationär arbeiten. Sind die finnischen Kollegen offen für die Integration eines Neuen? Hat jemand Krankenhaus-Erfahrung in FIN, als Mitarbeiter oder Patient? Welcher Unterschied zu D? :wink:

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