Vorschulerziehung

Seit PISA blickt alles nach Finnland. Hat das Land ausser guten Schülern, Handys und Nokia sonst noch etwas zu bieten?

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Syysmyrsky
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Vorschulerziehung

Beitrag von Syysmyrsky » 24. Apr 2008 08:22

Artikel aus Neues Deutschland vom 24.04.2008
Vorschulerziehung nach Plan - Finnische Pädagogen stellten in Potsdam ihre Konzepte vor
Von Wilfried Neiße

Der Saal voller Pädagogen und finnische Experten im Podium. Der Abend im Alten Rathaus Potsdams war für die Anwesenden spannungsreich, sollte es doch um »Erfolge in der finnischen Bildung – auch die der Vorschule« gehen.
Die Spannung erhielt gleich Nahrung, denn zunächst einmal wurde ganz überraschend klar, dass es sich bei diesem Titel um Vorschusslorbeeren handelt. Professor Maritta Hännikäinen, derzeit Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin, gab bescheiden zu bedenken, dass die Ergebnisse der heutigen Vorschulerziehung auch in Finnland noch niemand kennen kann – weil dieses System erst wenige Jahre alt ist. Die heute 15- bis 18-jährigen finnischen Schüler, welche bei diversen PISA-Tests so hervorragend abgeschnitten haben, entstammen ihrzufolge noch Zeiten, in denen die Kommunen keineswegs verpflichtet waren, das heutige Programm der Vorschulerziehung für alle sechsjährigen Kinder anzubieten. Vom heute weltweit gelobten System sagte die Professorin entwaffnend ehrlich: »Wir wissen nicht, ob es Erfolge bringt.«

Doch ließen die folgenden Bemerkungen das Publikum mitunter neidisch aufstöhnen. Von Kitas, die 24 Stunden geöffnet sind, war die Rede, von obligatorischer Vorschulerziehung für alle Kinder. Und oft war das schöne deutsche Wort »Kindergarten« zu vernehmen. 90 Prozent der Kitas in Finnland werden demnach kommunal betrieben, 2 Prozent im Auftrag von Kommunen und 7 Prozent existieren in freier Trägerschaft. Wählbar sind die Formen Kita-Betreuung, Familien-Tagesbetreuung und eine solche familiäre Betreuung in Gruppen.

Geradezu Begeisterung erregte die Information der Professorin über den vorgegebenen Betreuungsschlüssel. Eine finnische Erzieherin betreut demnach vier Kinder bis drei Jahre, und sieben Kinder zwischen vier und sechs Jahren. In der vierstündigen obligatorischen Vorschule (Sechs- bis Siebenjährige) gilt ein Schlüssel von 1 zu 13. Die Pädagogin schränkte allerdings ein, dass die Kitas oft viel länger als sieben Stunden am Tag geöffnet hätten und dass sich wegen der unterschiedlichen Arbeitszeiten der Erzieherinnen dadurch ein etwas ungünstigeres Zahlerverhältnis ergebe.

Das große Lehrer-Vorbild Finnland hat bei genauerem Hinsehen auch mit anderen Problemen zu kämpfen, nahmen die Anwesenden zur Kenntnis. Auch dort streiten sich Erziehungs- und Gesundheitssystem um die Zuständigkeiten. Die Höchstbeiträge der Eltern sollen demnächst von 200 auf 240 Euro heraufgesetzt werden. Weil ein Kind in der Kita die Kommunen zwischen 600 und 700 Euro im Monat kostet, sehen es die kommunal Zuständigen gar nicht so ungern, wenn die Eltern kleiner Kinder bis 3 Jahren die Möglichkeit wählen, ihr Kind zu Hause zu betreuen und sich das pro Monat mit 300 Euro vergüten zu lassen. In Deutschland hieße das »Herdprämie«. Dass die Kita-Pädagogen in Finnland zwar viel Anerkennung genießen, aber mit einem Einkommen zwischen 1800 und 2200 Euro auskommen müssen, nannte die Professorin »eine Schande«. Und der Männer-Anteil an den Erziehern sei seit den 70-er Jahren von 10 Prozent auf 3 Prozent gesunken.

Ein immer wiederkehrender Begriff im Vortrag: Plan. Kinder in finnischen Kitas leben nicht einfach in den Tag hinein, sie unterliegen vom ersten Tag an einem Programm, das kindgerecht und persönlichkeitsfördernd sein will und das dabei das Spielen in den Vordergrund stellt. Vor allem aber ist es von festgesetzten Erziehungs- und Wissenszielen geprägt. Vorschulerzieherinnen, die hier schon Lehrerinnen heißen, sind zu »Reflexionen« angehalten, in denen sie den Stand des Kindes an individuellen Entwicklungs- und Lehrplänen messen. Kommunen müssen Kita-Lehrpläne »entsprechend ihrer regionalen Besonderheit« ausarbeiten. Lehrpläne werden gemeinsam mit den Eltern aber auch mit den Kindern evaluiert.

Aus Potsdams Partnerstadt Jyväskylä war die »Kindergartenlehrerin« Meeri Kannisto angereist, die in der dortigen Kita »Mäki-Matti« (»Berg Matthias«) arbeitet. Auch sie bestätigt, dass es sich um eine »konzentrierte Anleitung und nicht um eine Aufbewahrung« der Kinder handelt. 40 Angestellte, davon 30 Pädagogen, betreuen in Kannistos Einrichtung, in der es auch eine Sauna, ein Fitnessraum und eine Essensstation für Senioren gibt, 117 Kinder.

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sunny1011
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Re: Vorschulerziehung

Beitrag von sunny1011 » 24. Apr 2008 20:54

Hört sich für mich persönlich sehr zwanghaft und durchgeplant an (kenne ich auch noch aus Polen) und so ist es auch. Das ist Kindheit? Das macht "Genies"? Irgendwie bezweifle ich das. Eher eine Einheitserziehung, ob sowas Persönlichkeitsfordernd ist? Viele meiner Freunde betrachten es sehr kritisch.

Und in Deutschland, dieses "Abgucken" nervt irgendwie auf Dauer... Wieso kehren sie nicht zu dem DDR Konzept zurück?

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Sapmi
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Re: Vorschulerziehung

Beitrag von Sapmi » 24. Apr 2008 21:16

sunny1011 hat geschrieben: Wieso kehren sie nicht zu dem DDR Konzept zurück?
Weil doch in der DDR alles nur schlecht war... :wink:
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