Vasatokka (Inari)

Die letzte Wildnis Europas - Das Reich der Mitternachtssonne

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Vasatokka (Inari)

Beitrag von WorkcampGirl » 8. Jun 2012 20:32

Hallo
ich bin eine 20jährige Studentin, die im September nach Vasatokka in der Nähe von Inari fährt. Ich werde dort in einem Workcamp sein und vor allem Landschaftsarbeiten machen.
Da ich doch bisschen kälteempfindlich bin und aus den Klimadiagrammen auf wikipedia nicht so 100%tig schlau werde, wollte ich euch fragen, wie warm es denn nach eurer Erfahrung dort die letzten zwei Wochen im September ist. Und ich würd auch gerne wissen wie wahrscheinlich es ist ein Nordlicht zu sehen und wie lange denn so die Sonne am Tag scheint.
Nach der Erfahrung in anderen Workcamps vermute ich dass wir nicht soo viel Zeit haben werden, was (alleine) zu machen und zu besichtigen. Deshalb würde ich auch gerne wissen, ob es sich eventuell noch lohnen würde zwei oder drei Tage länger dann noch in Inari oder irgendwo in der Umgebung zu bleiben.
Kurz gesagt, über jegliche Tipps würde ich mich sehr freuen. :D Ich war noch nie nördlich von Rostock von daher bin ich wirklich ziemlich ahnungslos. =)
GlG
Caro

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Re: Vasatokka (Inari)

Beitrag von Tenhola » 8. Jun 2012 23:48

Vasatokka kenne ich noch gut aus den 80er Jahren, als wir noch ein Haus in Angeli hatten. Damals war das allerdings noch eine Schule für Samikinder, welche in Riutula vor allem die finnische Sprache lernen mussten. Ich kenne noch einige Leute aus Angeli, welche dort noch zur Schule gingen.
Hier noch ein paar Aufnahmen aus Urzeiten, als Riutula das nördlichste Kinderheim der Welt war.

Die Temperaturen sind natürlich stark wetterabhängig. Ich habe schon Jahre erlebt, als Ende September die Gewässer zufroren. Die Durchschnittstemperatur liegt bei ca. +5°C. Sonnenschein ca. von 07:00 - 18:00 Uhr. Polarlichter kann man auch schon in dieser Jahreszeit sehen, ist aber immer etwas Glücksache.
Inari, Finland - Sunrise, sunset, dawn and dusk times, graph

Wegen einem längeren Aufenthalt stellt sich natürlich die Frage, ob Ihr nur arbeitet oder auch mal diesen od. jenen Ausflug macht. Einen Besuch im Samimuseum in Inari würde ich zB. schon machen. Outdoortätigkeiten wie etwa eine Wanderung zur alten Holzkirche von Pielpajärvi ist so spät im Herbst auch etwas vom Wetter abhängig.
Mit etwas Glück kannst Du noch einen schönen Ruska mit all seinen Farben erleben.

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Re: Vasatokka (Inari)

Beitrag von WorkcampGirl » 9. Jun 2012 09:34

Dankeschön für das Video und auch natürlich für die ausführliche Antwort. :elch:
Ich hoffe, dass wir am Sonntag (der meistens frei ist) wenigstens das Museum besichtigen. =)

Ich hab mir auch überlegt am letzten Tag abends den einzigen Flieger nach Helsinki zu nehmen, dort am Flughafen zu übernachten (Flüge zurück nach München gibt es eh nicht mehr an dem Tag) und dann am nächsten Morgen kurz Helsinki angucken und an diesem Abend dann mit nem Flieger zurückzufliegen. Schließfächer für meinen dicken Rucksack wird es doch wohl geben?

Und ich würd noch gerne wissen, wie schlimm es Ende September noch mit den Mücken ist. Ich bin nämlich auch eine von diesem Personen die alle Mücken anzieht während alle anderen in meiner Nähe safe sind. :daumrunter:

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Re: Vasatokka (Inari)

Beitrag von Tenhola » 9. Jun 2012 10:56

WorkcampGirl hat geschrieben:Und ich würd noch gerne wissen, wie schlimm es Ende September noch mit den Mücken ist.
Man kann sagen, so ab Mitte August ist es in dieser Gegend mückenfrei. Sollten noch ein paar der Blutsauger überleben, tun die Nachtfröste das ihrige dazu.
Kein Problem also in der zweiten Septemberhälfte.

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Re: Vasatokka (Inari)

Beitrag von WorkcampGirl » 30. Sep 2012 23:22

Nachdem ich wieder zurück bin, wollte ich noch kurz ein Feedback schreiben, vllt. interessiert es ja den ein oder anderen. =) Also das Jugendzentrum Vasatokka, 10 km von Inari entfernt, hat uns sehr freundlich aufgenommen. Wie schon erwähnt, war ich dort in einem Workcamp, habe also auch mit den Leuten dort gearbeitet. =) Besonders einer der Mitarbeiter war seeeeeeeeeehr lustig und ist dann sogar einmal mit den Jungs in die Sauna gegangen.
Die Mitarbeiter an der Rezeption habe ich alle auch als sehr freundlich erlebt.
Das Essen war vollkommen in Ordnung, vllt. etwas sehr fettig, aber sie haben sich unheimlich viel Mühe gegeben auch den Vegetariern was Gutes vorzusetzen. =)
Untergebracht wurde wir in Zimmern zu zweit oder zu fünft. Betten waren unheimlich bequem, ich mag mein Bett zu Hause nicht mehr.
Wir haben viele Ausflüge (z.B. auf den Otsamo) gemacht und durften alles kostenlos benutzen (Sauna, Kanus, Ruderboote, WLAN, Tischtennis, Billard, Kicker, Sauna, Spiele). Die Gegend hat mir sehr gefallen, was auch an der schönen Herbstfärbung der Blätter lag. Mittel gegen Mücken hätte ich allerdings doch mitnehmen sollen, obwohl es immer wieder in der Nacht unter 0 war, hielten sich einige wenige hartnäckig und liebten mich aus irgendeinem Grund mehr als die anderen Workcamper.
Polarlichter habe ich auch gesehen und wir waren bei der nächstgelegenen Rentierfarm. =)
Vasatokka wird vllt. im nächsten Jahr wieder Workcamps anbieten, die ich jedem absolut empfehlen kann! Ich war schon bei anderen Workcamps in anderen Ländern und ich wurde noch nie so komfortabel unterbracht, hatte noch nie so viele kostenlose Freizeitmöglichkeiten und habe noch nie so viele Ausflüge gemacht. Die Arbeit war auch nicht zu anstrengend und obwohl in der Beschreibung 7,5 Stunden standen, waren es effektiv höchstens 5.


Alles ganz toll und absolut zu empfehlen. :elch:

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Re: Vasatokka (Inari)

Beitrag von Peter » 16. Okt 2014 15:33

Wer sich für die Geschichte von Riutula und die Entstehung des Youth & Holliday Centre Vasatokka näher interessiert:

Eng verbunden mit dem Youth & Holliday Centre Vasatokka bzw. dem früheren Rutula ist der Name einer Diakonissin: Naemi von Bonsdorff. Ohne ihr würde es diese Einrichtung heute nicht geben. Hier eine kurze "Biografie" zu diesem ursprünglichen Kinderheim und Schule:
Im Jahr 1902 schickte der finnische NNKY, das ist der finnische Christliche Verein junger Frauen die Diakonisse Naemi von Bonsdorff in den Norden Lapplands, um Waisenkinder und in Not geratene Familien zu Helfen. Damals herrschte in dieser Gegend bittere Not. Naemi von Bonsdorff kaufte seinerzeit für diesen Zweck ein heruntergekommenes und verlassenes bäuerliches Anwesen gut 10 km nordöstlich von Inari am Muddusjärvi (See) und schenkte es dem NNKY.
Naemi von Bonsdorff schuf dort in den Folgejahren sowohl ein Kinderheim als auch ein Wohnheim für alte, hilfsbedürftige Menschen. Später wurde auch eine Schule durch ihre Initiative gegründet. Sie wurde schließlich zur ersten Direktorin der Einrichtung.
Das Leben dort war recht beschwerlich, besonders im Winter. Die schlimmsten Ereignisse in Riutula waren zum einen die Spanische Grippe, die 1920 in ganz Europa tobte und selbst in der seinerzeit sehr dünn besiedelten Gegend um Inari mindestens 200 Todesopfer forderte. Medizinische Hilfen gab es in Lappland für die Bewohner praktisch nicht. Erkrankte Menschen wurden zumeist in Hütten isoliert, wo man sie ihrem Schicksal überließ.
Die Pandemie machte im Norden Lapplands viele Kinder zu Waisen und bescherte der Einrichtung mehr Kinder, als eigentlich Plätze zur Verfügung standen. Es folgte 1944/45 der Lapplandkrieg, wo die Bewohner Lapplands und auch von Riutula ins südwestliche Finnland nach Ylivieska evakuiert wurden. Die Gebäude in Riutula wurden im Krieg nicht zerstört, so dass die Heimbewohner nach dem Krieg nach Riutula zurückkehren konnten. Allerdings waren viele zurückgelassene private Dinge gestohlen oder zerstört worden.
Eine große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit auch über Finnlands Grenzen hinaus erzielte Riutula durch eine von der amerikanischen Air Force ins Leben gerufene Aktion „Jingle Bells“. So landetete ab 1956 jeweils zu Weihnachten im Beisein der Presse und Vertretern der Politik eine amerikanische Militärmaschine mit Weihnachtsgeschenken für die Kinder von Riutula vor dem Haus auf dem zugefrorenen See. Ein Soldat als Weihnachtsmann verkleidet verteilte dann die Geschenke an die Kinder und den dort beschäftigten Erwachsenen.
Auch erhielt Riutula viel Unterstützung von Vereinen und Organisationen, die mit dem Verkauf von selbst hergestellten Kunsthandwerk, Bekleidungsgegenständen und Gebrauchsgütern die Einrichtung bzw. deren Fortbestand sponserten und sicherten.
Bis Ende der 1950er Jahre noch verfügte Riutula über keinen Strom und keinen direkten Straßenanschluss. Die letzten acht Kilometer dorthin waren nur unter erschwerten Bedingungen zu bewältigen. Riutula war quasi eine Missionsstation am Ende der Welt. Die Verhältnisse änderten sich erst im Jahr 1966, als ein neues Hauptgebäude oberhalb des Sees an der neuen Straße eingeweiht wurde.
Nachdem sich der Lebensstandard und die allgemeine soziale Sicherheit auch im nördlichsten Finnland besserten konnte die Einrichtung als die sie einstmals gegründet wurde, 1978 geschlossen werden. Sie hatte bis dahin ihren Zweck erfüllt. Die zum Schluss noch in Riutula lebenden 10 Kinder wurden auf andere Einrichtungen verteilt oder als Pflegekinder in Familien gegeben. Lediglich der Schulbetrieb für die Samikinder lief dort noch einige Jahre weiter.
Nachdem die Einrichtung einige Zeit leer stand wurde dort 1994 mit Hilfe des Bildungsministeriums ein Jugendzentrum errichtet. Die Einrichtung dient heute der Förderung der nationalen und internationalen Jugendarbeit und bietet sich an als Bildungseinrichtung für Schulklassen, Lehrer und andere interessierte Gruppen. Auch private Wandergruppen und Individualtouristen wie Wanderer finden dort Aufnahme. Die Einrichtung nennt sich heute Nuoriso- ja luontomatkailukeskus Vasatokka (Youth & Holliday Centre Vasatokka).
Die alten Gebäude von Riutula wurden leider alle abgerissen. Gäste des Zentrums können sich aber noch heute auf einem etwa einen Kilometer langen Kulturpfad einen Einblick über das frühere Leben auf Riutula verschaffen.
Rückblickend auf das Leben und Wirken von Naemi von Bonsdorff kann man sagen, dass ihr und ihrem Wirken viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Sie wirkte und starb in der Stille am 7. Februar 1921 im Alter von nur 47 Jahren.
Hier noch einmal die Doku aus dem Jahr 1965, deren Link Tenhola ja bereits nannte:

http://yle.fi/elavaarkisto/artikkelit/r ... edia=46936

Nachtrag:
Über das Leben und die Arbeit von Naemi von Bonsdorff und dem von ihr gegründeten Kinderheim und Schule in Riutula ist in der Literatur nach meiner Recherche leider nichts zu finden. Meine Recherchen ergaben zwar, dass 1994 ein Buch mit dem Titel “Riutula, ikirakkaus” von V.A. Mansikka-aho, ISBN: 9529052685, erschienen ist, wobei mit dem Titel auch der Name Naemi von Bonsdorff genannt wird. Nur ist dieser Titel außer in einigen Verzeichnissen finnischer und schwedischer Universitätsbibliotheken nirgendwo zu finden. Die hier zu einer Art Biografie zusammengetragenen Informationen stammen aus folgenden Internetseiten:
http://www.vasatokka.fi/
http://yle.fi/elavaarkisto/artikkelit/r ... edia=46936
http://www.geni.com/people/Naemi-Bonsdo ... 1659176134
http://www.kolumbus.fi/paavo.mattila/paavo.htm
https://www.facebook.com/media/set/?set ... 902&type=3
http://de.wikipedia.org/wiki/Inari_%28Gemeinde%29

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