Die Demilitarisierung von Åland

Ein Inselgewirr wie aus Tausend und einer Nacht: Landfetzen, Wasserzungen, Bäume im Meer, rauhes Urgestein, Blau so weit das Auge reicht. Ein wunderbares Chaos aus Wasser und Land!

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Klaus
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Die Demilitarisierung von Åland

Beitrag von Klaus » 30. Mär 2007 15:20

Zur Zeit des Krimkrieges entschieden die Engländer und Franzosen im Jahre 1854 die Russen völlig überraschend an einen völlig unerwarteten Ort zu überfallen. Da Åland ein strategisch wichtiger Ort war und weit ab vom eigentlichen Kriegsgeschehen am Schwarzen Meer (Halbinsel Krim) lag, entschied man sich für den Angriff auf die auf Åland errichtete Festung Bomarsund. 1854 war die Ostsee von den Engländern und Franzosen kontrolliert, die am 21. Juni 1854 unauffällig erste Erkundungsfahrten im Insellabyrinth von Åland unternahmen.

Nachdem die Russen die unter Umständen als Bedrohung empfundene Erkundungsfahrten längst vergessen hatten, versteckten sich Ende Juli in einer Nacht und Nebelaktion unbemerkt 25 Kriegsschiffe der Engländer und Franzosen im Bereich des Angösundes. In der Nacht zum August liefen diese Schiffe (von den Russen immer noch unbemerkt, wohl aber von den Einheimischen bemerkt) in den nördlichen Lumparn aus und reihten sich vor der Festung auf. Am nächsten Morgen bemerkten die Russen den unerwünschten Besuch und stellten fest, dass sie ohne Hilfe von Kanonenbooten keine Chance hatten. Nach einigen Tagen wurden 10.000 französische Soldaten und 1.000 britische Soldaten unter Leitung von General Baraguay d'Hilliers auf Åland abgesetzt und einen Tag später war die Festung auch von der Landseite her umstellt. Den 11.000 Soldaten an Land und 25 Kriegsschiffen zu Wasser standen nur 2.200 russische Soldaten, finnische Scharfschützen und Arbeiter gegenüber, die sich bereits zum Selbstschutz in die Festung zurückgezogen hatten. Sie versuchten nun, die Festung zu verteidigen - ein aussichtsloses unterfangen, was selbst die russischen Oberbefehlshaber insgeheim wussten.

Der Grund, dass es überhaupt soweit kommen konnte und die Engländer und Franzosen mit ihren Kriegsschiffen die Festung erreichen konnten war folgender: Aus russischer Sicht war es unmöglich, mit Kriegsschiffen durch die flachen Buchten von Süden her in den Lumparn zu gelangen, sodass nur die nördliche Einfahrt in den Lumparn befestigt und bewacht wurde. Die Engländer und Franzosen hatten in der Zwischenzeit jedoch schon Kriegsschiffe mit sehr viel geringerem Tiefgang entwickelt - was letztlich der entscheidende Vorteil gegenüber den Russen war.

Der Anfall auf die Festung begann im Morgengrauen des 13. August 1854 um 4 Uhr. Zunächst wurden die äußeren Wachtürme unter Beschuss genommen, nachdem diese gefallen waren, wurde am 15. August der Angriff auf die Hauptfestung begonnen. Auch am 16. August wurde das Bombardement auf die Hauptfestung fortgesetzt. Die Hoffnung der Russen, dass die Franzosen die Festung stürmen würden, ging nicht auf. Dann hätten diese bei Mann-gegen-Mann-Kämpfen vielleicht noch eine Chance gehabt. Die Festung wurde ohne Unterbrechung weiter bombardiert und den Russen wurde klar, dass die Festung bis zum letzten Stein und Mann bombardiert werden würde.

Um die restlichen Menschenleben zu retten, beschloss Genaralmajor Bodisco (Oberbefehlshaber der Festung Bomarsund) um 13 Uhr, die weiße Flagge zu hissen. Die Engländer und Franzosen akzeptierten die bedingungslose Kapitulation der Russen und das Bombardement wurde eingestellt. Das, was in 22 Jahren aufgebaut wurde, fiel in einem Kampf von nur 4 Tagen. Ungefähr 2.000 russische und finnische Soldaten wurden unmittelbar in die Kriegsgefangenschaft nach Frankreich und England transportiert.

Die Siegermächte Frankreich und England boten Åland Schweden an, Schweden wollte aber kein russisches Territorium ohne Garantien im weitergehenden Krieg übernehmen. Da aber weder das französische noch das englische Militär sich in der Lage sahen, Åland im anstehenden Winter zu verteidigen wurden Maßnahmen ergriffen, um eine Rückkehr der Russen mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern. Damit wurde der Entschluss gefasst, die Festung zu sprengen. Zum Monatswechsel August - September wurde die Festung gesprengt. Das, was damals stehen blieb, steht noch heute.

Am 30. März 1856 wurde in Paris endgültig der Krimkrieg beendet. An diesem Tag schloss Russland mit seinen Kriegsgegnern - dem Osmanischen Reich, Großbritannien, Frankreich und Sardinien sowie den nicht am Krieg beteiligten Staaten Preußen und Österreich - den "Frieden von Paris" oder "Dritten Pariser Frieden". In diesem wurde auch die Demilitarisierung und Neutralisierung von Åland geregelt. Neben Åland wurde auch das Schwarze Meer demilitarisiert und als neutrales Seegebiet festgelegt.

Dieser "Frieden von Paris von 1856" ist der Grund, dass bis heute neben Frankreich und England auch Deutschland (als Nachfolgestaat von Preußen), Österreich, Italien (als quasi-Nachfolgestaat von Sardinien) und Schweden die Garantiemächte für ein neutrales und demilitarisiertes Åland sind.

Die Ruine Bomarsund diente nun als Quelle für Baumaterialien. Im Mai 1876 wurde eine Auktion über die übrig gebliebenen Baumaterialien abgehalten. Es ging um rund 1.200.000 Ziegelsteine. Mit den Steinen und dem Granit wurden private wie staatliche Gebäude auf Åland und dem Festland gebaut, unter anderem die Uspenskijkatedrale und das Alexandertheater in Helsinki.

Die Festung Bomarsund wurde geplant und gebaut nach dem Stand des Wissen zur damaligen Zeit (Planungsbeginn Ende 1820er Jahre, Baubeginn 1830). Die geplante wie der bereits fertig gestellte Bereich der Festung war zur damaligen Zeit ein enormes Projekt und die Russen waren mit dem für die Festung vorhandenen Wissen ihren Feinden weit überlegen und voraus, auch was die Waffentechnologie angeht. Die Festung wurde nie fertiggestellt.

Im April 2004 verstarb die letzte Überlebende des Krimkrieges. An Bord der HMS Queen nahm das, am 4. April 2004 verstorbene, britische Marinemaskottchen Timothy the Tortoise an der Bombardierung von Sewastopol (Krim) teil. Damit dürfte die Maurische Landschildkröte die letzte Überlebende des Krimkriegs gewesen sein.


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Die Hauptfestung von Bomarsund in einer Computeranimation in einem aktuellen Luftbild


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Die Ruinen von heute bzw. das, was nach der Sprengung im August/September 1854 übrig blieb.
Zuletzt geändert von Klaus am 30. Mär 2007 15:29, insgesamt 1-mal geändert.
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Die Politiker von heute machen Politik nur für einen Tag. Und der Tag war gestern. (Dieter Hildebrandt)

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