Självstyrelsedagen

Ein Inselgewirr wie aus Tausend und einer Nacht: Landfetzen, Wasserzungen, Bäume im Meer, rauhes Urgestein, Blau so weit das Auge reicht. Ein wunderbares Chaos aus Wasser und Land!

Moderatoren: Peter, Sapmi

Antworten
Benutzeravatar
Klaus
Kela Überlebender
Beiträge: 2413
Registriert: 29. Mär 2005 12:43
Wohnort: Oostfreesland

Självstyrelsedagen

Beitrag von Klaus » 9. Jun 2007 19:40

SJÄLVSTYRELSEDAGEN (Selbstverwaltungstag)

Bild

Am 9. Juni feiern die Åländer ihren nationalen Feiertag, genauer, sie feiern die ersten Zusammenkunft des offiziellen Lagtings am 9. Juni 1922. Was aber heute groß gefeiert wird, war damals absolut ungewollt und von "oben" diktiert. Anlässlich des heutigen Feiertages mal eine kleine Chronik vom entstehen des besonderen politischen Status' von Åland.

Bild

Eine Chronik von 1917 bis 1922
Åland – vom Wunsch zur Wiedervereinigung mit Schweden zur ungewollten Selbstverwaltung


Seit jeher war Åland ein Teil Schwedens, bis zum 14. Jahrhundert gehörten die Inseln zum Linköping Stift, im Anschluss zum Åbo Stift und ab dem 17. Jahrhundert war Åland ein administrativer Teil von Åbo län. So war es bis zum verlorenen Krieg Schwedens gegen das russische Zarenreich. Ab 1809 gehörte Åland (als westlicher Vorposten) zum russischen Zarenreich, eingegliedert in das Großfürstentum Finnland. Als im Februar 1917 (jetzt: März 1917) die russische Revolution stattfand und damit das Ende der Zarenherrschaft besiegelt war, begann man noch im Frühjahr in verschiedenen Kreisen auf Åland über eine Wiedervereinigung mit Schweden zu diskutieren. Bis heute ist nicht geklärt, wo der Gedanken zu Wiedervereinigung mit Schweden geboren wurde, klar ist aber, dass die Idee auf Åland und bei åländischen Studenten in Stockholm kursierte.

Aus dieser Zeit stammt auch der auf Åland bekannte Satz von Johannes Salminen: "När en grupp på 30.000 söker sin egen väg talar man överlägset om "separatism", när tre miljoner för samma sak spelar man Finlandia" (Wenn eine Gruppe von 30.000 ihren eigenen Weg sucht, spricht man überlegt von "Separatismus", wenn drei Millionen eine Sache machen, spielt man Finlandia).

Schon im April 1917 fand ein erstes heimliches Treffen aller gleich gesinnter Kreise auf dem Hof Grelsby bei Markusböle, Finström, statt. Dort wurde man sich schnell einig, dass man die schwedische Regierung für diese Sache gewinnen wollte - jetzt, wo die Wirren in Russland durch die Februarrevolution groß waren.

Am 28.08.1917 lud man zu einer interkommunalen Versammlung in der Volkshochschule ein, unter dem Vorwand, man wolle über die Errichtung von Feuerwehren sprechen. In Wahrheit ging es bei der Diskussion aber um die Wiedervereinigung mit Schweden. Einstimmig wurde beschlossen, dass die "alte schwedische Landschaft Åland mit Schweden wiedervereinigt werden soll" und das eine Unterschriftenliste dem König vorgelegt werden soll.

Dieses Treffen in der Volkshochschule mit dem dort gefällten Beschluss war ein wichtiger Punkt, dem die Juristenkommission des Völkerbundes (heute: Vereinte Nationen) später große Bedeutung zumaß.

Als heimliche Maßnahme sollte die Unterschriftenaktion möglichst unentdeckt von den russischen Behörden und möglichst schnell über die Bühne gehen. An Weihnachten 1917 wurden die Listen verteilt und schon am 29. Dezember war die Unterschriftensammlung beendet, mit 7.135 Namen. Eine überwältigende Mehrheit von 96,2% der Bevölkerung sprach sich für eine Wiedervereinigung mit Schweden aus. Noch am gleichen Tag wurde durch eine Versammlung in der Volkshochschule die endgültige Fassung des Briefes an den schwedischen König festgelegt. Der Versammlung legte fest, dass Verfasser Julius Sundblom, Carl Björkman, Johan Jansson, J. E. Nordström, Johannes Eriksson und Erik Karlsson Ramsdahl dem König die Adresse übergeben sollten. Am 3. Februar 1918 fand die Übergabe beim schwedischen König statt.

Im Jahre 1918 festigte sich der Kreis, der einen Wiederanschluss an Schweden wollte, in der Bevölkerung. Als Finnland 1918 beschloss, das „Ålands län“ aus der Taufe zu heben, entstand der Gedanke, eine eigene Gesetzstiftende Versammlung zu gründen. Verschiedene Quellen deuten darauf hin, dass die Idee aus Schweden kam. Vor allem Carl Björkman arbeitete trotz des Risikos, erwischt zu werden, eifrig für diese Idee. Der Plan war nämlich illegal und aus finnischer Sicht ein Staatsverrat.

Im Januar 1919 reiste Julius Sundblom mit einer Delegation zur Friedenskonferenz nach Paris um hier die Pläne Ålands zu Wiedervereinigung mit Schweden darzulegen. Auf Vorschlag Schwedens sollte eine offizielle Volksbefragung auf Åland zur Staatszugehörigkeit stattfinden, der wiederum widersetzte sich Finnland vehement. Am 29. Juni 1919 fand die zweite, aber offizielle Volksbefragung zur zukünftigen Staatszugehörigkeit von Åland statt. 9.735 Personen stimmten für eine Wiedervereinigung mit Schweden, das sind 96,4% der Bevölkerung. Nur 461 Personen verneinten die Frage nach einer Wiedervereinigung mit Schweden.
Många bäckar små, blir en stor å.

Die Politiker von heute machen Politik nur für einen Tag. Und der Tag war gestern. (Dieter Hildebrandt)

Benutzeravatar
Klaus
Kela Überlebender
Beiträge: 2413
Registriert: 29. Mär 2005 12:43
Wohnort: Oostfreesland

Re: Självstyrelsedagen

Beitrag von Klaus » 9. Jun 2007 19:41

Im September 1919 sprach sich der französische Präsident Georges Clemenceau dafür aus, das Ergebnis der Befragung anzuerkennen. Auf Åland und in Schweden wurden die Aussagen des "Tigers" mit großer Freude entgegengenommen, während sie in Finnland große Proteste auslösten. Daraufhin wurde eine Kommission beauftragt, ein Selbstverwaltungsgesetz für Åland auszuarbeiten. Auf Vorschlag Großbritanniens bei der Friedenskonferenz wurde der Fall an den Völkerbund überwiesen.

Über Winter arbeitete die finnische Kommission ein Selbstverwaltungsgesetz für Åland aus, welches eine Mehrheit im finnischen Reichstag fand und am 30. April 1920 eingeführt werden sollte. Die Åländer weigerten sich jedoch, dieses zu akzeptieren. Am 31. Mai besuchte die Spitze des illegalen Landstinget den König in Schweden, um ihm mitzuteilen, dass sich ihre Auffassung nicht geändert hätte.

Die Aufwartung der Åländer beim schwedischen König verärgerte die Finnen, die wiederum sofort eine Kommunalversammlung in Mariehamn einberiefen. Um den Ernst der Lage zu unterstreichen kam der Staatsminister Rafael Erich persönlich mit seinem Gefolge nach Mariehamn. Er präsentierte das Selbstverwaltungsgesetz in der Versammlung. Julius Sundblom führte die åländische Verhandlungsseite an. Er machte den Finnen deutlich, dass das åländische Volk selbst über seine Staatszugehörigkeit bestimme und nicht Finnland. Er unterstrich, dass weiter für eine Wiedervereinigung mit Schweden gearbeitet wird und man auf Åland nie eine Selbstverwaltung gefordert hat und diese auch nicht anwenden werde. Nach Sundbloms Rede verließen alle Åländer den Saal.

Am folgenden Tag wurden Julius Sundblom und Carl Björkman verhaftet und nach Helsingfors gebracht. Dort wurden sie wegen Hochverrat angeklagt. Björkman und Sundblom wurden zu eineinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Durch diese Verhaftungen spitzte sich der diplomatische Krieg zwischen Finnland und Schweden zu, auch international wurde Finnland für die Menschenrechtsverletzungen scharf kritisiert.

Im Juli 1920 befasste sich der Völkerbund zum ersten Mal mit der Angelegenheit Åland. Es galt, 2 noch offene Fragen zu beantworten: A) Welche Staatszugehörigkeit soll Åland bekommen? B) In wiefern gelten die internationalen Garantien von 1856 noch?

Eine Juristenkommission prüfte die Grundlagen und stellte fest, dass Ålands Staatszugehörigkeit nur vom Völkerbund entschieden werden könne, auf keinen Fall jedoch von Finnland. Angesichts der internationalen Garantien war das Urteil der Juristen bindend. Wie erwartet erkannte nur Finnland die Kommission und das Ergebnis nicht an. Die Kommission beauftragte nun drei neutrale Berichterstatter, eine Lösung für die Ålandfrage zu finden. Nach mehreren Zeitaufschiebungen schlug die Kommission im April 1921 eine Lösung der Ålandsfrage vor.

Den Vorschlag der Lösung begründeten die Berichterstatter u. a. auf folgende Punkte:
- Die Scheidung von Åland und Schweden geschah schon im 14. Jahrhundert, also weit vor 1809 (Åland kam damals zum Åbo stift)
- Die Stellung der Finnlandschweden wäre gefährdet, wenn Schweden Åland bekäme
- Geografisch läuft die Grenze zwischen Finnland und Schweden durch das Ålands hav
- Strategisch haben beide Länder Interesse, eine gegenseitige militärische Bedrohung ist aber nicht zu erwarten
- Finnland hat Europa einen Dienst erwiesen, dass sie gegen die Kommunisten gekämpft und gesiegt haben

Aufgrund dieser Anführungen schlug die Kommission das Selbstverwaltungsgesetz von 1920 für Åland vor, ausgeweitet mit gewissen Garantien. Der Vorschlag löste einen großen Aufstand in Schweden und auf Åland aus, weil Finnland die Souveränität über Åland erlangen sollte.

Am 24. Juni 1921, am Mittsommertag und Tag der Urteilsverkündung, waren Johannes Eriksson und Carl Carlsson beim Völkerbund in Genf. Finnland und Schweden hatten sich vor der Urteilsverkündung darauf verständigt, das Urteil zu akzeptieren. Das Urteil folgte schließlich dem Vorschlag der Kommission. Am 27. Juni wurde das Abkommen bereits durch eine Übereinkunft zwischen Finnland und Schweden ergänzt, dass beide Länder für den Erhalt der schwedischen Sprache, Kultur und lokalen Traditionen garantieren.

Die Enttäuschung am Mittsommertag 1921 auf Åland war groß. Das Mittsommerfest war zu einem Sorgenfest geworden. Gegen den Willen nahezu aller Åländer musste Åland nun im Staatsverband Finnlands verbleiben.

Aus dieser Zeit stammt ein zweiter auf Åland bekannter Satz von Johannes Salminen: „Med kniven på strupen hade Finland tvingats bli ett föregångsland.“ (Mit dem Messer an der Kehle wurde Finnland gezwungen, ein Vorzeigeland zu werden)
Många bäckar små, blir en stor å.

Die Politiker von heute machen Politik nur für einen Tag. Und der Tag war gestern. (Dieter Hildebrandt)

Benutzeravatar
Klaus
Kela Überlebender
Beiträge: 2413
Registriert: 29. Mär 2005 12:43
Wohnort: Oostfreesland

Re: Självstyrelsedagen

Beitrag von Klaus » 9. Jun 2007 19:42

Dank der Selbstverwaltung hat Åland sich zu einem fortschrittlichen Teil Finnlands entwickelt. Die lokale Demokratie, die die Selbstverwaltung letztendlich ist, hat einen enormen Wohlstand geschaffen und wenige Åländer wollen heute noch die Selbstverwaltung gegen eine Wiedervereinigung mit Schweden eintauschen.

International hat sich die finnische Lösung von Minderheitenanforderungen und –problemen zu einem Musterbeispiel hervorgehoben. Darum darf man vermuten, dass die Republik Finnland das Selbstverwaltungssystem weder aufheben kann noch aufheben will, unabhängig von den internationalen Übereinkommen, die die åländische Selbstverwaltung absichern.

Am 8. Juni 1922 fand die erste Wahl zum neuen, jetzt offiziellen Landsting (heute Lagting) statt. Obwohl nahezu keiner auf Åland diese Selbstverwaltung wollte, war die Wahlbeteiligung mit 6.665 Personen sehr hoch.

Am 9. Juni 1922 trat das frisch gewählte neue Landsting zum ersten Mal zusammen. Tagungsort war der Festsaal von Ålands Lyceum. Zum ersten Präsidenten wurde Julius Sundblom gewählt, der mittlerweile wie Carl Björkman seine Haft in Finnland abgesessen hatte. Carl Björkman überbrachte als letzte Tat für das illegale Landsting die Glückwünsche der „illegalen Herren“ von Åland. Carl Björkman wurde zum ersten Landrat von Åland gewählt.

Heute ehrt das Lagting jährlich am 9. Juni an der Julius-Sundblom-Statue die Taten von Julius Sundblom, als Antreiber für die fehlgeschlagene Wiedervereinigung mit Schweden und als ersten åländischen Präsidenten. Auch seine Unterstützer Johannes Eriksson, Carl Carlsson und vor allem Carl Björkman sind bis heute auf Åland ebenso unvergessen wie Julius Sundblom.
Många bäckar små, blir en stor å.

Die Politiker von heute machen Politik nur für einen Tag. Und der Tag war gestern. (Dieter Hildebrandt)

Benutzeravatar
Klaus
Kela Überlebender
Beiträge: 2413
Registriert: 29. Mär 2005 12:43
Wohnort: Oostfreesland

Re: Självstyrelsedagen

Beitrag von Klaus » 9. Jun 2007 19:43

Die Bedeutung des eigenen Nationalfeiertages ist für die Åländer sehr groß, was man daran sehen kann, dass, obwohl es kein gesetzlicher Feiertag auf Åland ist, alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen sind und viele Unternehmen und Firmen ebenfalls geschlossen haben, Tendenz von Jahr zu Jahr steigend. In den letzten Jahren gab es des Öfteren schon Diskussionen, den finnischen Nationalfeiertag auf Åland abzuschaffen und dafür den åländischen Nationalfeiertag als gesetzlichen Nationalfeiertag einzuführen.

Die Vorteile einer solchen Regelungen liegen auf der Hand: Man feiert den eigenen Nationalfeiertag und keinen fremden, im Sommer ist es lange hell und die Chancen auf warmes Sommerwetter stehen gut – mit anderen Worten, man kann draußen feiern. Nachteil: Der so genannte "åländische Schwedeneinkaufstag" geht verloren, am finnischen Nationalfeiertag fahren viele Åländer nach Schweden, um für Weihnachten einzukaufen. Die Fähren am 6. Dezember nach Schweden und zurück sind schon Wochen im Voraus ausgebucht.
Många bäckar små, blir en stor å.

Die Politiker von heute machen Politik nur für einen Tag. Und der Tag war gestern. (Dieter Hildebrandt)

Antworten

Zurück zu „Alles über die Åland Inseln“