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SPIEGEL ONLINE - 16. November 2007
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,517650,00.html
FINNISCHER TARIFKONFLIKT
Regierung will Lex Krankenpfleger durchpeitschen
Von André Anwar
Eskalation im Tarifkonflikt: Per Gesetz will die finnische Regierung 20.000 Pflegekräfte zur Arbeit zwingen, die mit Kündigung drohen, falls sie mit ihren Forderungen scheitern. Wer nicht zur Arbeit kommt, soll nun Strafe zahlen - eher gehen wir ins Gefängnis, sagen etliche Krankenschwestern.
Helsinki - Soila Jänis-Koch ist erschöpft von der Nachtschicht in der orthopädischen Abteilung am Universitätskrankenhaus von Helsinki. "Wir hatten eine kleine Krisensituation. Ein operierter Patient hatte einen extremen Blutdruckabfall, und wir waren auf der ganzen Abteilung nur drei Schwestern. Nach einer halben Stunde haben wir ihn wieder stabil gekriegt. Das hätte aber auch anders ausgehen können", sagt sie.
Seit 30 Jahren ist Soila Jänis-Koch Krankenschwester. Obwohl sie erst seit kurzem wieder in Finnland arbeitet, denkt sie über ihre Kündigung nach: Sie - und mehr als 20.000 ihrer Kollegen - will am 19. November ihre Kündigung einreichen, falls bis dahin die Forderungen ihrer Gewerkschaft nach mehr Lohn nicht erfüllt werden.
430 bis 650 Euro mehr im Monat verlangt die finnische Pflegegewerkschaft Tehy für ihre Mitglieder in den nächsten zwei Jahren - und droht deshalb mit der Massenkündigung. Bei insgesamt 32.500 Krankenschwestern im öffentlichen Dienst wiegt das schwer.
Trotzdem zeigt sich die erst im März dieses Jahres neu gewählte Mitte-Rechts-Regierungskoalition unter dem liberalen Ministerpräsidenten Matti Vanhanen wenig verhandlungsbereit: Sie lässt es auf einen offenen Konflikt ankommen - trotz der vollen finnischen Haushaltskasse und der breiten Unterstützung, die die Schwestern in der Bevölkerung genießen.
Es sei berufsethisch verwerflich, dass Krankenpflegepersonal zu Massenkündigungen als Erpressungsmittel greife, argumentiert die Regierung. Das ginge ja bei Polizei und Feuerwehr auch nicht. Heute will sie deshalb ein Gesetz erlassen, mit dem Krankenschwestern und -pfleger, die in Akutbereichen arbeiten und kündigen, unter Bußgeldandrohung zurück zum Arbeitsplatz gezwungen werden sollen.
"Wir zahlen nicht, sondern gehen dann lieber ins Gefängnis", witzelte prompt so manche kampfeslustige Schwester bei den zahlreichen Protestzügen, die Tehy dieser Tage in der finnischen Hauptstadt Helsinki und andernorts veranstaltet.
"Wir waren lange genug die lieben Mädchen", sagt Soila Jänis-Koch. "Niemand von uns will Menschenleben gefährden, aber in Finnland hatten wir so viele normale Streiks und wurden dabei nie ernst genommen", begründet sie die ungewöhnliche Kampfmaßnahme. Durch den Arbeitskräftemangel im Krankenpflegebereich können sich die Schwestern zudem sicher sein, nach den Kündigungen relativ problemlos wieder angestellt zu werden, wenn auch nicht immer am alten Arbeitsplatz.
Der Gedanke hinter der Massenkündigungsstrategie: Wer kündigt, könne nicht für die Nichterfüllung von Aufgaben verantwortlich gemacht werden, so das Kalkül der Gewerkschaft Tehy. "Wenn unsere Regierung es tatsächlich zur Massenkündigung kommen lässt und stattdessen lieber woanders Steuern senkt, ist sie unverantwortlich, nicht wir", sagt auch Jänis-Koch, die bei ihrer Rückkehr aus der Schweiz über die schlechte Situation in finnischen Krankenhäusern war. "Pisa hier und da, wir wollen immer Musterland sein. Im Krankenwesen ist das Finnland nicht gelungen", sagt sie.
Die Hartnäckigkeit der Pflegekräfte hat vor allem zwei Gründe: Zum einen liegen die finnischen Gehälter tatsächlich deutlich unter denen vergleichbarer Länder. "Allein in der Schweiz war mein Grundlohn doppelt so hoch wie in Finnland", sagt Jänis-Koch. Auch im benachbarten Schweden und Norwegen, aber auch in England sind Grundgehälter für Pflegekräfte deutlich höher. In Finnland bekommt Jänis-Koch mit ihren 30 Jahren Berufserfahrung gerade mal ein Grundgehalt von 1970 Euro (brutto). Dazu kommen Nacht- und Wochenendzuschläge von monatlich 200 bis 500 Euro. Nach Steuerabzug bleiben ihr noch etwa 1900 Euro. 800 Euro gehen dann im teueren Helsinki für ihre einfache 45 Quadratmeterwohnung ab. "So schlecht und schlechter sieht es bei den meisten aus", sagt auch die Tehy-Gewerkschaftlerin Tuija Kinnunen-Moilanen.
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